L43 Hertz, Sally
 12.07.1882 - 12.03.1938

Sally Hertz
geb. 12.7.1882
gest. 12.3.1938

 

aus: Gisela Möllenhoff / Rita Schlautmann-Overmeyer, Jüdische Familien in Münster 1918 – 1945. Teil I Biographisches Lexikon, Münster  ²2001

S. 196-198
HERTZ
Sally    

12.7.1882 Coesfeld - 12.3.1938 Tschechoslowakei
E: Salomon Hertz (2.5.1863 Coesfeld - 7.7.1909 Coesfeld) u. Lisette geb. Löwenstein (28.4.1844 Rhoden/Waldeck - 29.11.1921 Coesfeld)
G: Bertha ∞ Meyerhoff (1867 Coesfeld - 1946 ? Palästina); Ida ∞ Stern, Osnabrück, (23.11.1869 Coesfeld - Ghetto Minsk); Louis (14.3.1870 Coesfeld - Südafrika); Rosalie ∞ Appel, Bochum, (14.1.1872 Coesfeld - ca. 1954 England); Rudolf (12.4.1874 Coesfeld - 7.7.1907); Hugo (16.9.1875 Coesfeld - 21.6.1937 MS, Freitod); Selma ∞ de Jonge, Weener/Ostfr., (25.10.1877 Coesfeld - 31.10.1952 Kanada); Hermine ∞ Rosenberg (29.9.1879 Coesfeld - 23.2.1955 USA); Albert (24.2.1881 Coesfeld - 21.1.1955 Osnabrück); Frieda ∞ Heilbrunn, Mühlhausen/Thür., (12.2.1886 - 2.1.1970 Peru); Johanna ∞ Waller, Ratingen, (29.1.1887 Coesfeld - Belgien); Else ∞ Wreschinsky, Berlin, (22.6.1888 Coesfeld - Stuttgart)
Pferdehändler. Zehntes von 13 Kindern des Kaufmanns Salomon Hertz in Coesfeld. Er kam um 1907 als Teilhaber der Pferdegroßhandlung seines älteren Bruders Hugo nach MS und heiratete die Schwester seiner Schwägerin Rosa Hertz. Er wohnte zunächst Zumbrockstr. 4 (1909) und Industriestr. 1 (1910), dann seit ca. 1916 Südstr. 35 (Eigentum). Der Pferde- und Futtermittelhandel auf der Annenstr. 13 entwickelte sich durch die Tüchtigkeit der Inhaber erfolgreich. Sally H. besaß mit seinem Bruder Hugo das Gut Lienen bei Tecklenburg und war Teilhaber einer Bank. Wirtschaftseinbußen durch Spekulationsgeschäfte Ende der 1920er Jahre führten zum Verkauf des Gutes in Lienen. Nach dem Tod seiner Frau und der Emigration bzw. dem Wegzug seiner drei Kinder heiratete er 1936 ein zweites Mal. Er war einmal mit einem Touristenvisum in Palästina. Seine wirtschaftlichen Verhältnisse waren zu diesem Zeitpunkt nicht mehr günstig. Der Gewinn aus dem Pferdehandel war unbedeutend geworden und wurde durch den Verlust bei Vermietung und Verpachtung (hohe Zinszahlungen) aufgezehrt, so daß seit Jahren Freiveranlagung erfolgt war. Er befand sich auf der Rückreise von einem Besuch bei seiner in Wiener Neustadt verheirateten Tochter Liesel Braun, als ihn in Bodenbach/Tschechoslowakei am 12.3. 1938, einen Tag vor dem "Anschluß" Österreichs, der Tod ereilte. Er wurde nach MS überführt und auf dem jüd. Friedhof beigesetzt. Seine Witwe Hilde zahlte vom Sperrkonto 1.000 RM für die "Judenvermögensabgabe" nach dem Novemberpogrom. 

 ∞ 17.9.1908 MS
EHEFRAU (1. Ehe)
Bertha geb. Frankenberg
22.11.1885 Jena - 11.10.1928 MS
E: Abraham Frankenberg  (14.1.1852 Merisfeld - 14.12.1925 MS) u. Regina geb. Hofmann (14.6.1862 Themar/Hildburghausen - 11.1.1933 MS)
G: Rosa ∞ Hertz (9.10.1884 Jena - 17.9.1952 USA); Alfred (* 1889 Jena)
Zog nach der Heirat 1908 von Jena nach MS und wohnte zunächst Zumbrockstr. 4 (1909) und Industriestr. 1 (1910), dann seit ca. 1916 Südstr. 35. Das jüngste ihrer vier Kinder starb im Alter von fünf Monaten. Ihre Schwester Bertha hatte ihren Schwager Hugo Hertz geheiratet. Als ihre Eltern 1918 nach MS zogen, lebten sie teils bei ihr, teils bei der Schwester. Bertha H. starb mit 42 Jahren an einer nicht rechtzeitig erkannten Blinddarmentzündung und wurde auf dem jüd. Friedhof in MS zur letzten Ruhe gebettet.

∞ 26.6.1936 Bochum (?)
EHEFRAU (2. Ehe)
Hilde geb. Heilbronn  
* 27.7.1911 Bochum, emigrierte nach England
E: Julius Heilbronn, Kaufmann in Bochum, u. Selma geb. Wolff
Angestellte. Zog am 28.9.1936 nach MS, Dahlweg 38. Nach längerer Krankheit weilte sie 1937 zu einem Erholungsaufenthalt in Marienbad/Böhmen. Auf die Nachricht vom plötzlichen Tod ihres Schwagers Hugo Hertz reiste sie umgehend per Bahn nach MS. An der deutsch-tschechischen Grenze wurde sie von deutschen Zollbeamten wegen "Einführung" von 10,50 RM in Hartgeld festgehalten, die sie für die Bezahlung des D-Zug-Zuschlages benötigte. Das Geld wurde beschlagnahmt, sie selbst wurde wegen fahrlässigen Devisenvergehens angeklagt und am 8.9.1937 zu 20 RM Geldstrafe durch die Devisenstelle MS mit Eintragung ins Strafregister Bochum verurteilt. Auf ihre Bitte wurde Ratenzahlung gewährt. Das Haus Südstr. 35 wurde 1938 verkauft. Sie wohnte nach dem plötzlichen Tod des Ehemannes seit dem 31.5.1938 in der Geiststr. 98 bei ihrer Schwägerin Rosa Hertz und kehrte am 17.10.1938 zu ihren Eltern nach Bochum zurück. Von dort emigrierte sie im März 1939 nach London. Ihr Pflichtanteil am Erbe ihres Mannes wurde auf ein Sperrkonto eingezahlt, aus dem die "Judenvermögensabgabe" bestritten wurde. Ihre Ausbürgerung wurde am 28.5.1941 beantragt, doch nicht ausgesprochen.

KINDER (1. Ehe)
Liesel ∞ BRAUN, Dr. Rudolf
8.11.1910 MS - September 1994 USA

Fritz
* 29.6.1913 MS, lebte 1995 in Brasilien
Wuchs im elterlichen Eigentum, Südstr. 35, auf und besuchte das Städt. Gymnasium und Realgymnasium bis zur Obertertia. Wurde 1927/28 Mitglied im "Verein für das Deutschtum im Ausland", für den in der Schule geworben wurde. Von 1930 bis 1932 absolvierte er in Köln eine Lehre bei der "Eisengroßhandlung Banzhof" und wohnte Habsburgerring 1. Er war Mitglied im "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" und in der Sportvereinigung "Eltag" Köln. Nach der Lektüre von Hitlers "Mein Kampf" und der persönlichen Erfahrung, wie Nazis mit politischen Gegnern umgingen, reifte der Entschluß zur Auswanderung. Zunächst kehrte er von Köln nach MS zurück. Anschließend emigrierte er in die Niederlande, wo er  ca. ein Jahr lang bis Ende 1934 in Amsterdam eine Fahrradvermietung und -bewachung betrieb. Er lernte in der Vermutung, daß in Brasilien Spanisch gesprochen werde, diese Sprache im Selbststudium und emigrierte am 12.4.1935 mit einem Touristenvisum nach Brasilien, da ein Einreisevisum nicht zu bekommen war. Er fand zunächst Arbeit als Hausdiener in einer österreichischen Pension in Rio de Janeiro gegen Kost und Logis, dann war er als Automechaniker und schließlich ab 1937 als Flugzeugmonteur bei der brasilianischen Marine beschäftigt, die im Auftrag der deutschen Fa. Focke-Wulf/Bremen Wasserflugzeuge baute. Heiratete 1938 eine Brasilianerin deutsch-portugiesischer Herkunft, die 1942 verstarb. Das einzige Kind, eine Tochter, wurde 1939 geboren. Er ging 1943 eine zweite Ehe ein. Seit Eintritt Brasiliens in den Krieg gegen Hitlerdeutschland verlor er trotz seiner 1940 erworbenen brasilianischen Staatsangehörigkeit als "Deutscher" seine Anstellung bei der Marine. Hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten bis Kriegsende über Wasser. Von 1945 bis 1949 wurde er als Mechaniker beim Bau eines Staudamms im tropischen Klima des Südens beschäftigt und war anschließend von 1948 bis 1953 selbständiger Transportunternehmer mit Minimaleinkommen. Anschließend war er zwei Jahre im Straßenbau tätig. In den nächsten fünf Jahren leitete er unter tropischen Bedingungen die mechanische Abteilung beim Tunnelbau im Innern Brasiliens. Der Verdienst für die in höchstem Maße gesundheitsgefährdende Arbeit mit Hochdruckbetonspritzen war minimal. Er erkrankte schwer und war jahrelang arbeitsunfähig. Seine Pensionierung erfolgte gegen eine monatliche Rente von 21 Dollar. Er bekam Unterstützung durch seine Schwester in den USA und arbeitete nach der Genesung als Fremdenführer und Taxifahrer, von 1983 bis 1988 als Chauffeur des brasilianischen Präsidenten. Lebte 1995 mit seiner dritten Frau Edna in Petropolis. Nach 55 Jahren sah er 1991 erstmals seine Heimatstadt MS wieder.

Walter
19.5.1915 MS - Mai 1966 USA
Wuchs in der Südstr. 35 auf und war drei Jahre auf dem Städt. Gymnasium und Realgymnasium. Danach absolvierte er eine Lehre in einem Schuhkaufhaus und den Dreijahreskursus an der Handelsschule, den er jedoch am 10.10.1931 abbrach. Er war sportlich und betrieb Schwimmen und Segelfliegen. 1934 gelangte er eher aus Abenteuerlust nach Palästina, er war weder zionistisch geprägt, noch hatte er eine landwirtschaftliche Vorbildung. Bei seiner Größe von fast zwei Metern war er zunächst bei der jüd. Selbstschutzorgansisation "Haganah" und dann bis 1942 Polizist der englischen Mandatsregierung. Er war wegen seiner Ähnlichkeit mit dem Ehemann der englischen Königin unter dem Namen "Prinz Philipp" bekannt. Bei der Polizei stieg er zum Sergeanten auf und erhielt eine Auszeichnung. Später betätigte er sich als Filmvorführer und wurde Inhaber eines kleinen Elektrogeschäftes. Nach der Staatsgründung Israels fand er Arbeit als Elektrotechniker. Er heiratete Fenja, die in Litauen geboren und als Zionistin mit den Eltern nach Palästina gekommen war. 1942 und 1945 wurden die Töchter Ilana und Irith geboren. 1966 verstarb er plötzlich während eines Verwandtenbesuches in den USA.

Rudolf  
6.11.1916 MS - 25.4.1917 MS

aus:  Korrigenda- und Ergänzungsliste zum Biographischen Lexikon, August 2001

S. 8
HERTZ
Sally
KINDER (u.a.)
Fritz
29.6.1913 MS - 4.8.1996 Petropolis/Brasilien

 


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