L29 Zeiller, Karl
 02.11.1871 - 25.11.1932

Karl Zeiller
2.11.1871 - 25.11.1932
Der lieben Frau
Elly Zeiller
geb. Alsberg
zum treuen Gedenken
geb. 6.5.1876
gest. Sept. 1942 im K.Z.
Mathilde Alsberg
geb. Falkenstein
27.7.1850 - 22.12.1934

 

 

aus: Gisela Möllenhoff / Rita Schlautmann-Overmeyer, Jüdische Familien in Münster 1918 – 1945. Teil I Biographisches Lexikon, Münster  ²2001

S. 509-510
ZEILLER
Karl (Carl)

8.2.1871 Forchheim /Nürnberg - 25.2.1932 MS
Kaufmann, Getreideimporteur. Kam als 23jähriger Commis (Handlungsgehilfe) 1894 nach MS in die Fa. "Flechtheim & Co.". Seit 1895 war er als Reisender tätig und machte sich am 1.4.1899 mit einem Getreideimportgeschäft (Einfuhr aus Marokko und Rumänien) in der Herwarthstr. 14 selbständig, das kurz darauf in eine Kommanditgesellschaft mit den Kommanditisten Levi Rosenthal aus Duisburg und Samson Neumark umgewandelt wurde. 1902 übernahm er zusätzlich eine Kolonial- und Delikateßwarenhandlung, Königsstr. 22/23. Seit 1908 war er im Vorstand der "Kommission für den Kanalverkehr" und 1909 im "Verein Rheinisch-Westfälischer Getreide-Importeure". Nach einer Erhebung des Deutschen Handelstages bzgl. der "Beteiligung des Handels an der kriegswirtschaftlichen Organisation des Verkehrs mit Brotgetreide, Gerste, Hafer und Hülsenfrüchten" von 1919, lag die Handelstätigkeit der Fa. Zeiller im letzten Geschäftsjahr vor dem 1. WK im Vergleich zu neun weiteren Firmen in MS (darunter sechs jüd.) an zweiter Stelle. Karl Z. war im April 1919 zusammen mit Max Guthmann Gesellschafter der "Westfälischen Futtermittel-Vertiebsgesellschaft". Er wohnte Leostr. 4 (1895), Hoyastr. 19 und Clemensstr. 40 (1909, 1932). Das Haus Melchersstr. 58 war sein Eigentum. Im Jahre 1918 war er Vorsitzender der C.V.-Ortsgruppe MS. Bis Januar 1923 war er Mitglied im "Verein der Kaufmannschaft". Aufgrund von Einbußen durch die Einfuhr von Gerste, die sich als unverträglich für die hiesige Schweinemast erwies, geriet er am Ende der Weimarer Republik in geschäftliche Schwierigkeiten. Sie waren u.a. der Auslöser für seinen Freitod. Sein Grab befindet sich auf dem jüd. Friedhof in MS.

EHEFRAU
Elise (Elly) geb. Alsberg
6.5.1876 Köln - KZ Treblinka
E: Julius Alsberg (verstorben ca. 1910) u. Mathilde geb. Falkenstein (27.7.1850 Unna - 22.2.1934 MS)
War in kinderloser Ehe verheiratet und kam nach ihrer Heirat (?) nach MS. Wohnte Clemensstr. 40 und Hoyastr. 19 (1931 - 4.6.1941). Sie gehörte der Ortsgruppe MS des "Vereins für jüdische Geschichte und Literatur" an und war 1915 Schriftführerin, 1920 im Vorstand. Sie mußte am 1.11.1938 ihr Haus Melchersstr. 58, das sie nach dem Tode ihres Mannes geerbt hatte, aufgrund der erhobenen Zwangsabgaben nach dem Novemberpogrom veräußern. Sie verkaufte es an ihre langjährige Haushälterin, die auch nach dem Pogrom weiterhin mit ihr in Verbindung blieb. Da sie außerdem im Herbst 1938 Auswanderungspläne nach Chile geäußert hatte, wurde ihr Konto am 7.11.1938 gesperrt und 14.500 RM für die Reichsfluchtsteuer gepfändet. Ihr wurden nur noch begrenzte Beträge für ihren Unterhalt freigegeben, die sich bis 1942 immer weiter verringerten (1939: 300 RM; 1942: 150 RM). Nach dem Novemberpogrom wurde sie zu Zwangsabgaben genötigt, die 25 % des Vermögens ausmachten. Am 28.2. 1939 wurde sie zur Oberfinanzdirektion vorgeladen und verwarnt, weil sie im August 1938 Schmuckgegenstände aus dem Nachlaß ihrer Mutter ins Ausland verschickt hatte. Für ihre im Frühjahr 1939 abgelieferten Schmuckstücke sowie Gold- (134 g) und Silbergegenstände (18 kg) erhielt sie von der Pfandleihanstalt Dortmund 747 RM. Allein der Materialwert war von einem berufenen Taxator auf 7.000 RM geschätzt worden. Lt. NS-Erlaß vom 23.9.1939 mußte sie nach Ausbruch des Krieges ihr Radio bei der Gestapo abliefern. 1939 wurde sie gezwungen, ihre Wohnung gegen ein Mansardenzimmer zu tauschen, das ihr im gleichen Haus zugewiesen wurde. Etwa im Sommer 1941 betraten zwei Gestapo-Beamte ihre Wohnung und konsfiszierten einen Fotoapparat sowie Damast- und Leinenwäsche. Sie wohnte bis zum 4.6.1941 Hoyastr. 19, mußte dann in immer kürzeren Zeitabständen die Zimmer wechseln. Von Juni bis November 1941 wohnte sie in der Salzstr. 31, für die nächsten knapp drei Monate in der Hermannstr. 44 ("Judenhaus"), schließlich seit dem 3.2.1942 in der Marks-Haindorf-Stiftung. Nachdem sie einen "Heimeinkaufsvertrag" über 5.400 RM abgeschlossen hatte, wurde sie am 31.7. 1942 mit dem Transport XI/1 MS-Bielefeld in das Altersghetto Theresienstadt verbracht und zwei Monate später (23.9.1942) in das Vernichtungslager Treblinka (Transport-Nr. Bq-1346). In einem Brief an ihre ehemalige Bridgepartnerin Eva Guthmann in der Schweiz äußerte sie kein Mißtrauen gegenüber den Deportationsabsichten der NS-Machthaber. Da sie mit ihrer Deportation das deutsche Reichsgebiet verlassen hatte, stellte das Finanzamt MS am 10.8.1942 ihre Verpflichtung zur Zahlung der letzten Rate der Reichsfluchtsteuern fest. Auf Anweisung des Finanzamtes überwies die Deutsche Bank dieses Geld aus dem gesperrten Guthaben an die Finanzkasse MS-Stadt. Im Juni 1943, ca. neun Monate nachdem sie ermordet worden war, wurde der Reichsfluchtsteuerbescheid aufgehoben, der vereinnahmte Betrag wurde entsprechend der Anordnung des Oberfinanzpräsidenten vom 25.5.1943 an die Bezirksstelle Bielefeld der "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" überwiesen. 1947 erklärte sie das Amtsgericht MS für tot. Auf dem jüd. Friedhof in MS befindet sich auf dem Grab ihres Ehemannes eine Gedenktafel mit ihrem Namen.

 


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