L17 Rappoport, Hermann
 10.01.1871 - 28.02.1932

Hermann Rappoport
geb. 10.1.1871 gest. 28.2.1932
Luise Rappoport
geb. Schulmann
geb. 12.9.1876 gest. im Konzentrationslager
Minni Rappoport
geb. 20.5.1901 Münster gest. 6.2.1961 Toronto
Ernst Rappoport
geb. 13.2.1899 gest. 19.8.1983
Dora Rappoport
geb. Zahler
geb. 9.7.1912 gest. 28.8.2006

 

aus: Gisela Möllenhoff / Rita Schlautmann-Overmeyer, Jüdische Familien in Münster 1918 – 1945. Teil I Biographisches Lexikon, Münster  ²2001

S. 340-343
RAPPOPORT
Hermann  

10.1.1871 Gilgenburg/Ostpreußen - 28.2.1932 MS
E: Nathan Rappoport, Kaufmann in Gilgenburg, (* ca. 1838) u. Minna geb. Heymann (verstorben vor 1898)
G: Leo (* 12.3.1873 Gilgenburg); Dr. med. Eugen, Wuppertal-Elberfeld, (31.12.1876 - Ghetto Minsk)
Getreidekaufmann. Hermann R. gründete 1892 die "Getreideimportfirma Hermann Rappoport" und kam um 1896 mit ca. 25 Jahren nach MS. Nach einer Erhebung des Deutschen Handelstages bzgl. der "Beteiligung des Handels an der kriegswirtschaftlichen Organisation des Verkehrs mit Brotgetreide, Gerste, Hafer und Hülsenfrüchten" von 1919, lag die Handelstätigkeit der Fa. Rappoport im letzten Geschäftsjahr vor dem 1. WK im Vergleich zu neun weiteren Firmen in MS (darunter sechs jüd.) an fünfter Stelle. Hermann R. wohnte im Jahre 1897 Königsstr. 16, im Jahre 1898 Achtermannstr. 25 und schließlich Herwarthstr. 7 (Eigentum seit 1.4.1903 ?). Er unterstützte 1900 den C.V.. Außerdem war er Mitglied im "Verein rheinisch-westfälischer Getreide-Importeure" und seit 1911 im "Freiballonsport-Verein MS-Münsterland". Er gehörte zu den ersten zehn Männern in MS, die sich am 3.6.1912 dem Luftschiff "Charlotte" als Passagier anvertrauten. Im 1. WK wurde er Vize-Feldwebel und als Wachmann für russische Zwangsarbeiter auf der "Zeche Präsident" in Bochum untertage eingesetzt, da er wegen einer Sehbehinderung für den Fronteinsatz nicht in Frage kam. Von 1919 bis 1924, in politisch wie wirtschaftlich schwieriger Zeit, war er als Vertreter der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) Stadtverordneter. Für die Belange der Synagogengemeinde setzte er sich von 1918 bis zu seinem Tode als Repräsentant ein. Er starb nach längerem Leiden im Alter von 62 Jahren. Ihn zeichneten ein integrer Charakter, Zuverlässigkeit und Bescheidenheit aus, wie im Nachruf hervorgehoben wurde. Die Getreidehandlung übernahm sein jüngster Sohn Werner.

∞ 20.3.1898 Oldenburg
EHEFRAU
Luise geb. Schulmann
12.9.1876 Oldenburg - September 1942 KZ Treblinka
E: Moritz Schulmann (27.9.1852 Hildesheim - 28.3.1903 Oldenburg) u. Auguste geb. Cohn (8.1.1856 Quakenbrück - 10.6.1942 Berlin)
G: Johanna ∞ Salomon, Berlin, (30.5.1878 Oldenburg - Ghetto/KZ Riga); Helene ∞ Levy, Quedlinburg, Berlin, (21.5.1879 Oldenburg - 1941 Ghetto/KZ Riga); Elisabeth gen. Elli  ∞ Bukofzer (9.5.1881 Oldenburg - 4.2.1935 Oldenburg)
Sie wohnte seit ihrer Heirat 1898 in MS und war seitdem Mitglied im "Israelitischen Frauenverein". Nach dem Tod des Ehemannes 1932 wurde sie Eigentümerin des Hauses Herwarthstr. 7, das sie seit ca. 1935 vermietet hatte. Sie selbst verzog zur Windthorststr. 17 (1935) und im Jahre 1938 zur Wermelingstr. 1 in das Haus von Gustav Gumprich. Nach dem Pogrom vom November 1938 beendete der damalige Mieter des Hauses Herwarthstr. 7 auf Druck der NSDAP das Mietverhältnis. Gleichzeitig wurde durch die den Juden auferlegte "Judenbuße" erst 20, dann 25 % des Vermögens eingefordert. So war sie, da ihr auch behördlicherseits eine weitere Vermietung des Hauses untersagt war, am 10.2.1939 zum Verkauf unter Verkehrswert gezwungen. Der Verkaufspreis mußte auf ein Sperrkonto eingezahlt werden und wurde z.T. für die "Judenvermögensabgabe" und Reichsfluchtsteuer (7.900 RM) "sichergestellt". Sie bezahlte nach Genehmigung am 29.11. 1939 die fünften Raten der "Vermögensabgabe" für ihre Mutter in Oldenburg sowie für ihren Schwager Lion Bukofzer in Berlin. Die beabsichtigte Auswanderung, für die der Sohn Ernst in Palästina seine Ersparnisse eingezahlt hatte, scheiterte mit Kriegsbeginn. Seit dem 21.9.1939 wohnte sie im "Judenhaus" Hermannstr. 44, ab 3.2.1942 in der letzten münsterischen Sammelunterkunft. Am Kanonengraben 4 mit weiteren drei Frauen in einem Raum. Im Rahmen der "Sammelaktion für die Ostfront" mußte sie am 10.1.1942 alle in ihrem Besitz befindlichen Woll- und Pelzsachen entschädigungslos abliefern, was ihr Siegfried (Salomon) Steinberg, der stellvertretende Vorsitzende der jüd. Kultusgemeinde, bescheinigte. Waren ihr Ende 1939 zum Lebensunterhalt noch monatlich 300 RM bewilligt worden, wurde der Betrag ab dem 1.5.1942 auf 150 RM reduziert. Am 24.7.1942, eine Woche vor ihrer bevorstehenden Deportation, schloß sie einen "Heimeinkaufsvertrag" über 5.400 RM ab. Am 31.7. 1942 gelangte sie mit der Transport-Nr. XI/1-846 in das Ghetto Theresienstadt, von dort am 23.9.1942, knapp zwei Monate später, unter der Nr. Bq-1336 in das Vernichtungslager Treblinka und wurde dort ermordet. Der Vermögensrest wurde nach der Deportation vom Staat eingezogen.

KINDER
Ernst
13.2.1899 MS - 19.8.1983 MS
Amtsgerichtsrat (1929), Amtsgerichtsrat "i.R." (1934), Oberamtsgerichtsrat (1954). Er wuchs in MS, Herwarthstr. 7, auf und legte sein Abitur 1917 am Städt. Gymnasium ab. Er begann 1917 sein Jurastudium an der Univ. MS, wohnte in der Kaserne und absolvierte gleichzeitig eine Artillerieausbildung bei der 2. Ersatzabteilung des Feld-Artillerie Regimentes 22 in MS. Als Kriegsfreiwilliger war er in Flandern, erhielt das EK und am 20.12.1934 das "Ehrenkreuz für Frontkämpfer". Er war Mitglied im C.V. und im "Sportclub Preußen Münster 06", für den ihm herausragende Leistungen in der Leichtathletik gelangen. Bei den dritten nationalen Leichtathletikmeisterschaften von Westdeutschland im August 1917 in Recklinghausen errang er im Hochsprung den zweiten Preis und gehörte vermutlich zur Siegerstaffel der 800-Meter Militärstafette seines Regimentes. Mit der Staffel des "SC Preußen Münster 06" siegte er 1926 beim Lauf "Rund um Münster". Als einer der deutschen Vertreter wurde er für die Olympiade 1928 im Stabhochsprung in die engere Wahl gezogen. Er begeisterte sich besonders für den Segel- und Motorflugsport und gehörte der akademischen Fliegergruppe MS an. Am 23.5. 1932 erwarb er den Motor-Flugschein der Klasse A und wurde gleichzeitig Opfer erster antisemitischer Anpöbelungen mit Aufforderung zum Verlassen des Vereins. 1933 warf er für das "Zentrum" Wahl-Flugblätter über MS ab, obwohl der Höhenmesser seines Flugzeuges von rechtsradikaler Seite zur Verhinderung des Fluges ausgebaut worden war. Seit Frühjahr 1933 war Juden die Mitgliedschaft in "deutschen" Sportvereinen verboten. Er gründete daher zusammen mit Louise Gumprich den jüd. Sportclub, der zur RjF-Ortsgruppe MS gehörte. 1929 wurde er zum Amtsgerichtsrat ernannt, doch aufgrund des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" zum 1.11.1933 aus dem Beamtenverhältnis mit einem jährlichen Ruhegehalt von 2.342 RM entlassen. Aufgrund seiner Begeisterung für den Sport absolvierte er eine sechsmonatige Ausbildung zum Sportlehrer in Dänemark und war danach kurzfristig als solcher von der jüd. Gemeinde Karlsruhe angestellt. Emigrierte 1935 mit einer Einwanderungsgenehmigung der englischen Mandatsregierung als Fluglehrer nach Palästina. Sein Beamtenruhegehalt wurde auf das Sonderkonto I in Berlin zwecks Übertragung nach Palästina eingezahlt. Im Januar 1938 betrugen die Bezüge monatlich 153 RM. Im Auftrag der "Haganah" flog er 1937 nach Polen, um dort Übungsflugzeuge zu kaufen. Er bildete darin für die "Haganah" unter primitiven Verhältnissen erste Piloten in Palästina aus. Bis 1947 gingen fast alle jüd. Flieger durch seine Schule und er wurde als Pionier und ,Vater der israelischen Luftwaffe" bezeichnet. Von Dezember 1947 bis Juni 1950, insbesondere im israelischen Befreiungskrieg 1948/49, flog er Einsätze als Pilot; u.a. unternahm er 1948 lebensrettende Evakuierungen in Kleinflugzeugen für bedrohte Siedler am Toten Meer (z.B. Hanna Uhlmann). 1951 wurde er in das israelische Luftwaffenministerium berufen und Leiter des Flughafens in Tel Aviv. 1953 kehrte er vorübergehend, 1954 endgültig nach MS zurück und war als Oberamtsrichter nach 20jähriger Unterbrechung wieder in seinem alten Beruf tätig. Er bearbeitete Wiedergutmachungsangelegenheiten und wurde als Verkehrsrichter eingesetzt. Im August 1983 ehrte ihn Israel für seine Verdienste um den Aufbau der Luftwaffe sowie seinen selbstlosen Einsatz. Desgleichen wurde sein hohes Berufsethos gewürdigt. Als er wenig später am 19.8.1983 verstarb, wurden in einem Nachruf seine vorbildlichen Charaktereigenschaften betont: Ausgeglichenheit, Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit. Seine Frau Dora geb. Zahler (* 9.7.1912 Bobrka), die in Wien aufwuchs und 1932 nach Palästina emigriert war, engagierte sich nach dem 2. WK in MS in der jüd. Gemeinde, im Sozialausschuß der Stadt und war Schöffin. Allem voran galt ihr Bemühen, Christen und Juden einander näherzubringen und Brücken zueinander zu schlagen. Sie war Mitbegründerin der "Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit MS" und rund 35 Jahre im Vorstand tätig. Die beiden Söhne Dov (* 10.11.1935) und Hermann-Zwi (* 8.4.1946) wurden in Tel Aviv geboren.

Minni    
20.5.1901 MS - 6.2.1961 Kanada
Konzertsängerin (Alt). Nach dem Abitur auf dem Ev. Lyzeum und Oberlyzeum MS ca. 1919/20 nahm sie Gesangsunterricht und studierte Musik am Städt. Konservatorium MS, wo ihre außergewöhnliche Stimme entdeckt wurde. Vom 1.1.1928 bis zum 1.5.1933 folgte die Ausbildung zur Sängerin an "Dr. Hoch´s Konservatorium" in Frankfurt/M. und der Besuch der Opernschule. Sie besaß eine warme, strahlende Altstimme, die technisch "vortrefflich beherrscht" wurde. Im Zeugnis wurde ihr bescheinigt, daß ihre pädagogische und musikalische Begabung bei gleichzeitiger geistiger Diszipliniertheit sie zu ausgezeichneten Leistungen befähigten. Erste Auftritte in Mainz, Bad Soden und Frankfurt/M. im Weihnachtsoratorium und in der Matthäuspassion (Bach) wie bei Liederabenden, brachten ihr einhelliges Lob ein. "Frl. M. Rappoport befestigte wieder den Glauben an eine schöne künstlerische Zukunft." (Mainz 4.10.1931). Sie erhielt im Juli 1932 die Erlaubnis zur Erteilung von privatem Gesangsunterricht, die im August 1934 durch die "Reichskulturkammer" zwar verlängert wurde, jedoch nur zur Unterrichtung jüd. Schüler. Schon am 1.4.1933 wurde ihr bei Mitwirkung in einem Bachvereinskonzert in Frankfurt/M. mit Verhaftung gedroht. Daraufhin kehrte sie in ihr Elternhaus nach MS, Herwarthstr. 7, zurück. Der Versuch, 1937 in Italien eine neue Existenz aufzubauen, scheiterte aufgrund politischer Entwicklungen. Im Mai 1938 wurde sie vom Sender Hilversum/NL engagiert, jedoch durch Paßschwierigkeiten an weiteren Auftritten gehindert. Als Reaktion auf die Ereignisse in der münsterischen Wohnung während des Pogroms erlitt sie eine schwere Nervenkrise, von der sie sich nur mühsam erholte. Eine Woche vor Kriegsbeginn, am 22.8.1939, flüchtete sie als Dienstmädchen nach England. Da sie nach neun Monaten erneut erkrankte und arbeitsunfähig wurde, erhielt sie Unterstützung durch öffentliche Mittel. Das in Bremen lagernde Umzugsgut wurde im Juli 1942 beschlagnahmt und eingezogen. Von 1943 bis 1947 fand sie eine Anstellung als Bürohilfe. Mit Unterstützung des Bruders Ernst in Palästina konnte sie nach dem Krieg nach Kanada zum jüngeren Bruder Werner auswandern. Dort war sie bis zu ihrem Tode als Buchhalterin tätig. Sie starb in Toronto im Alter von 60 Jahren. Auf ihren Wunsch wurde sie auf den jüd. Friedhof in MS überführt und fand ihre Ruhestätte neben ihrem Vater.

Werner    
* 26.11.1904 MS, lebte 1995 in Kanada
Geschäftsinhaber, Angestellter (ab 1936). Besuchte das Städt. Gymnasium bis zur Mittleren Reife. Er war Mitglied im Schwimmverein und im "Freiballonsport-Verein MS-Münsterland", wo er zur Crew von Ferdinand Eimermacher beim legendären 17-Stunden-Flug nach Harlingen/NL zählte, bei dem die Konkurrenten weit abgeschlagen wurden. Er gehörte außerdem zum Organisationsteam der Leichtathletik-Abteilung des "Sportclubs Preußen Münster 06" und organisierte mit anderen das erste Hallensportfest in der Halle Münsterland. Engagierte sich 1931 für die Gründung eines Angestellten-Ausschusses der C.V.-Ortsgruppe MS. Nach dem Tode seines Vaters 1932 übernahm er die Getreidegroßhandlung "Hermann Rappoport", die am 31.3. 1936 aufgrund des NS-Boykotts jüd. Kaufleute und der geringen Getreide- und Kleiezuteilung abgemeldet werden mußte. Seit dem 1.12.1936 bis zu seiner Emigration war er als Angestellter in Bielefeld bei der Fa. "Adolf Heine" (Küchengeräte) tätig. Nach dem Novemberpogrom wurde er zu Aufräumarbeiten herangezogen und entging auf diese Weise einem KZ-Aufenthalt. Es gelang ihm, am 11.5.1939 nach England zu entkommen, wo er auf einer Hühnerfarm bei Liverpool Unterkunft und Verpflegung fand. Mit Kriegseintritt Großbritanniens wurde er als "feindlicher Ausländer" zunächst in einem Lager bei Liverpool interniert, dann nach Kanada transportiert, wo er bis Ende des Krieges in einem Lager blieb und zum Holzfällen herangezogen wurde. 1962 wurde er "Chartered Accountant" (beeidigter Steuerberater) in Toronto und war 1995 noch in seinem Beruf tätig.

aus:  Korrigenda- und Ergänzungsliste zum Biographischen Lexikon, August 2001
S. 14
RAPPOPORT
Werner
26.11.1904 MS - 22.3.2000 Kanada

 


Zurück zum Lageplan