L11 Stolzberg, Siegfried
 15.04.1876 - 28.02.1937

Hier ruht
mein lieber Mann
unser guter Vater
Siegfried Stolzberg
15.4.1876 - 28.2.1937
Er starb nach 21 Jahr
Siechtum an den Folgen
seiner Kriegsbeschädigung

 

aus: Gisela Möllenhoff / Rita Schlautmann-Overmeyer, Jüdische Familien in Münster 1918 – 1945. Teil I Biographisches Lexikon, Münster  ²2001

S. 460-463
STOLZBERG
Siegfried    

15.4.1876 Wolbeck - 27.2.1937 Ibbenbüren
E: Jacob Stolzberg (25.1.1835 Wolbeck - 21.11.1921 MS) u. Sartine geb. Reingenheim (30.1.1849 Westerkappeln - 21.5.1913 MS)
G: Jeanette ∞ Engel (28.12.1877 MS - 17.3.1947 USA); Ida ∞ Heilbrunn, Hamburg, (01.02.1880 MS - Ghetto Minsk); Caroline ∞ Marcks (16.04.1882 MS - 24.02.1940 Wuppertal-Barmen); Sophie ∞ Schwarz (5.12.1883 MS - 20.6.1946 Brasilien); Paul (11.7.1885 MS - 2.2.1942 Köln); Rosa ∞ Rosenberg, Hamburg, (17.03.1887 MS - 16.03.1963 USA); Dr. jur. Julius (26.11.1888 MS - gefallen 29.08.1914 Finstingen/Elsaß); Else ∞ Wertheim (14.1. 1891 MS - 1.5.1937 MS)

Bankbeamter (1901), Zigarrenfabrikant. Schüler des Gymnasiums Paulinum von 1885 bis 1904. Er legte 1904 die Reifeprüfung mit Erlaß der mündlichen Prüfung ab und erhielt überdurchschnittliche Noten in Französisch, Mathematik und Physik, besonders im Zeichnen. Seine künstlerische Begabung sollte sich auf seine Töchter vererben. Als Berufsziel schwebte ihm die Banklaufbahn vor. Er lebte zwischen 1901 und 1910 in Köln, wo er eine Familie gründete. 1912 wohnte er mit der Familie in Eupen in der Borngasse. Er war dort als Zigarrenfabrikant tätig und hatte offensichtlich die 1862 gegr. Fa. "KOBE" (Koch-Becker) übernommen. Mit Beginn des 1. WK zog er als Freiwilliger ins Feld und kehrte schwerkriegsbeschädigt 1918 mit der Familie nach MS zurück. Seitdem konnte er keiner Arbeit mehr nachgehen. 1916 hatte er das Haus Langenstr. 13 erworben und lebte von der Vermietung und der Kriegsbeschädigtenrente. Als Anerkennung für seine Verdienste im 1. WK wurde ihm am 21.12.1934 das "Ehrenkreuz für Kriegsteilnehmer" verliehen. Mit 61 Jahren verstarb er nach 20jährigem Leiden infolge seiner Kriegsverletzung im Pflege- und Altersheim Ibbenbüren. Er wurde auf dem jüd. Friedhof in MS bestattet.

EHEFRAU
Bernhardine geb. Goldschmidt
8.5.1877 Krefeld - 2.2.1961 Brasilien
E: Salomon Goldschmidt u. Adele geb. Mansbacher (?)
Sie wuchs in Köln auf und lernte dort ihren Mann kennen, mit dem sie zunächst in Köln, seit etwa 1910 in Eupen und seit 1918 in MS wohnte. Da ihr Mann durch seine Kriegsverletzung arbeitsunfähig war, trug sie zum Lebensunterhalt bei und führte von September 1922 bis Juni 1928 in Theaternähe, Neubrückenstr. 68, ein Geschäft für Strümpfe, Strickkleider, Jacken und Pullover. 1936 hielt sie sich von Mitte Mai bis zum 1. August bei ihrer Tochter Hima in Baden-Baden, Sophienstr. 16, auf, wo sie ihr vermutlich bei den Auswanderungsvorbereitungen nach Brasilien half. Nach dem Tode ihres Mannes im Jahre 1937 wurde sie Eigentümerin des Hauses Langenstr. 13 und verkaufte dieses am 7.3.1938. Seit Oktober 1937 ließ sie sich bei der Auswandererberatungsstelle MS über Möglichkeiten und Formalitäten der beabsichtigten Emigration beraten. Sie beantragte vorsichtshalber sowohl die Ausreise in die USA als auch in die Niederlande. Im Frühjahr 1938 plante sie, mit einer Schwester in Holland eine Pension zu eröffnen, und hatte der Devisenstelle dafür bereits die Umzugsgutliste zur Genehmigung vorgelegt. Dieser Plan scheiterte, weil ihre Schwester aufgrund eines Sterbefalls an der Durchführung des gemeinsamen Vorhabens gehindert wurde. Für die USA war Bernhardine St. mit der Einwanderungsnummer 11.951 vermerkt. Dies sicherte ihr die Chance auf eine Emigration, zumal ihre Tochter Erika sich bereits dort befand. Die erforderliche Bürgschaft wollte ihr der Bankier Paul Felix Warburg in New York bereitstellen. Um nicht mittellos im Ausland anzukommen, "verkaufte" sie nahezu den Gesamterlös ihres Hauses an die Deutsche Golddiskontbank zum Gegenwert von 27 %, den sie ausführen konnte. Einen Teil ihres Hausrates veräußerte sie mangels anderer Käufer an Fremde, die ihre Notlage ausnutzten. Ihre Rente war seit dem 1.7. 1938 gekürzt worden, doch wurde ihr diese auch nach der Emigration auf ein Sperrkonto gezahlt, über das sie, da sie als "Devisenausländerin" galt, nicht mehr verfügen konnte. Am 30.5.1938 gelangte sie in die USA. Die Kosten für die Reise, für Mitnahme und Transport des Umzugsgutes sowie Bordgeld verschlangen das Restvermögen. 1954 war sie amerikanische Staatsangehörige und lebte in einem Pflegeheim. Ein Verfolgungsschaden wurde 1960 nicht anerkannt, sie erhielt nur die Kriegshinterbliebenenrente. Sie verstarb in Brasilien kurz vor dem Tod ihrer Tochter Hima.

KINDER
Hima, Dr. med.
17.1.1906 Köln - 29.3.1961 Brasilien
Ärztin. Nachdem sie die ersten sechs Lebensjahre in Köln verlebt hatte, wurde sie mit dem Umzug der Eltern nach Eupen in der "Katholischen Höheren Töchterschule der Rekollektinnen-Schwestern" eingeschult (1912 - 1918). Nach der schweren Kriegsverwundung des Vaters kam die Familie nach MS, der Geburtsstadt des Vaters, und wohnte Langenstr. 13. Hima St. wurde von Mai 1918 bis Pfingsten 1922 Schülerin der Annette-Schule. Vom 1.7.1922 bis zum 1.1.1923 absolvierte sie einen Kursus an "Liebezeit´s Kaufmännischer Privatschule", Königsstr. 51 und arbeitete seit dem 1.3.1923 im Bankgeschäft "Max Neheimer & Co.", das sie am 1.10.1924 verließ, um in die Unterprima der Annette-Schule einzutreten. Seit dem 1.7.1925 war sie Inhaberin eines Herrenartikelgeschäftes am Michaelisplatz 1/2, das vermutlich ihre Mutter führte; es wurde am 1.1.1926 eingestellt. Im März 1926 machte sie an der Annette-Schule das Abitur und studierte anschließend bis zum Physikum vier Semester Medizin in MS. Die klinischen Semester verbrachte sie in Hamburg, Wien und MS. Dort bestand sie im Juni 1931 ihr Staatsexamen und wurde am 31.7.1931 zum Thema "Woher stammen die bei der Heilung der Rachitis in das Sekret eingelagerten Knochenerden?" promoviert. Anschließend wurde sie Medizinalpraktikantin an der Universitäts-Kinderklinik in MS. 1934 hielt sie sich in Duisburg auf und wohnte bei der Familie Rottenstein, die einen Getreidehandel betrieb. Sie hatte im Mai 1932 in Baden Baden einen Paß beantragt, war jedoch erst im August 1934 im Melderegister eingetragen. Ihre Berufsbezeichnung wurde von "Ärztin" in "Sprechstundenhilfe" geändert. Sie war als solche bei dem jüd. Orthopäden Dr. Fuchs tätig und wohnte Kreutzerstr. 3, später Sophienstr. 16. 1936 gelangte sie nach Brasilien, wo sie ihren bereits im Mai desselben Jahres emigrierten Verlobten, den Juristen Arthur Rossberg (* 6.9.1901 Hagen), heiratete. Ihren Schwiegervater, den Bankier Simon Rossberg aus Hagen, der am 9.6.1939 nach Brasilien flüchtete, nahm sie in den Haushalt auf. Am 22.9.1945 wurde die Tochter Susana in Sao Paulo geboren. Der Ehemann verstarb bereits 1949 im Alter von 47 Jahren. Hima St. konnte in Brasilien ihren Beruf nicht mehr ausüben, weil es dazu einer erneuten Prüfung in einer fremden Sprache bedurft hätte. So war sie, die das künstlerische Talent des Vaters geerbt hatte, als Bildhauerin tätig.

Erika
14.12.1908 Köln - 28.11.1984 USA
Tänzerin im modernen Tanz, Tanzpädagogin und Choreographin. Sie kam als Zehnjährige 1918 von Eupen nach MS, besuchte das Ev. Lyzeum und wohnte bei ihren Eltern, Langenstr. 13. Nach der Mittleren Reife erhielt sie eine Tanzausbildung bei Fritz Böttger, MS, und sammelte in der Tanzgruppe des Theaters und als Solotänzerin erste Bühnenerfahrung, so z.B. bei der tänzerischen Umsetzung von Mussorgskijs "Bilder einer Ausstellung". "Frl. Stolzberg produzierte graziös grotesk-gekonnte Einfälle im ´Gnom` und in ´Pagoden`," lautete die Kritik. Ein zweiter Rezensent ergänzte: "Gerade dieser begabten Tänzerin ist es zu wünschen, daß mit ihr gearbeitet wird, damit sie sich entfalten kann". Die Begegnung mit Kurt Jooss, der von 1924 bis 1926 in MS, dann an der Folkwangschule Essen dem Ausdruckstanz neue Formen gab, prägte ihren Tanzstil und ihre späteren Einstudierungen. Um 1932 war sie Ballettmeisterin am "Theater am Hermannplatz" in Berlin und entwarf die Choreographie von Jean Gilberts Operette "Das Weib im Purpur". Im Juni 1933 trat sie im Kabarett am Kurfürstendamm in Berlin u.a. mit Grethe Weiser und Loni Heuser auf. Vermutlich nach der "Machtergreifung" Hitlers 1933 gab sie Unterricht an der Lili-Green-Schule für Bewegungskunst in Amsterdam, den Kurt Jooss ihr vermittelt hatte, doch kehrte sie nach Berlin zur Eröffnung einer eigenen Tanzschule zurück. Mit Fortschreiten des antisemitischen Druckes und dem Verbot, nichtjüd. Tänzer zu unterrichten, wurde ihre Tanzkarriere zerstört. Sie emigrierte über die Niederlande in die USA, wo sie Ende der 1930er Jahre Maurice Magid (* 3.7.1898 New York) heiratete und wo die Kinder Paul (* 26.10.1940) und Karen (* 31.7.1943) geboren wurden. In den späteren Jahren widmete sie ihr Organisationstalent vornehmlich  Wohltätigkeitsveranstaltungen (bes. Pfadfinderinnen). Als Musikliebhaberin nahm sie noch im hohen Alter Klavierunterricht und zeigte eine besondere Begabung für die Musik Mozarts. Im Nachruf wurden ihr Humor, ihre Aufrichtigkeit und Zivilcourage betont.

 


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