L10 Wertheim, Else
 14.01.1891 - 01.05.1937

Else Wertheim
geb. Stolzberg
14.1.1891 - 1.5.1937

 

aus: Gisela Möllenhoff / Rita Schlautmann-Overmeyer, Jüdische Familien in Münster 1918 – 1945. Teil I Biographisches Lexikon, Münster  ²2001

S. 496
WERTHEIM
Else geb. Stolzberg

14.1.1891 MS - 1.5.1937 MS
E: Jacob Stolzberg (25.1.1835 Wolbeck - 21.11.1921 MS) u. Sartine geb. Reingenheim (30.1.1849 Westerkappeln - 21.5.1913 MS)
G: Siegfried (15.4.1876 Wolbeck - 27.2.1937 Ibbenbüren); Jeanette ∞ Engel (28.12.1877 MS - 17.3.1947 USA); Ida ∞ Heilbrunn, Hamburg, (1.2.1880 MS - Ghetto Minsk); Caroline ∞ Marcks (16.4.1882 MS - 24.2. 1940 Wuppertal-Barmen); Sophie ∞ Schwarz (5.12. 1883 MS - 20.6.1946 Brasilien); Paul (11.7.1885 MS - 2.2.1942 Köln); Rosa ∞ Rosenberg, Hamburg, (17.3. 1887 MS - 16.8.1963 USA); Dr. jur. Julius ( 26.11.1888 MS - gefallen 29.8.1914 Finstingen/Elsaß)

Jüngstes Kind der Kaufmannsfamilie Jakob Stolzberg. Nach dem Schulbesuch hielt sie sich 17jährig für ein halbes Jahr in Kassel auf, kehrte dann nach MS, Ludgeristr. 34, zurück und wohnte seit März 1913 Goebenstr. 13. Zwei Monate darauf verstarb ihre Mutter. Da ihre Schwestern bereits alle auswärts verheiratet waren, versorgte sie den Vater und nahm ihn nach ihrer Heirat in ihren Haushalt auf. 1919 war sie Mitglied im "Israelitischen Frauenverein". Sie verstarb 46jährig in MS und wurde auf dem jüd. Friedhof begraben.

S. 495-498
WERTHEIM
Albert    
23.3.1885 Helmarshausen/Hofgeismar - 19.12.1970 USA
E: Joseph Wertheim (verstorben 21.7.1915 Helmarshausen) u. Johanna geb. Hecht (* 31.3.1885 Rhoden/Waldeck)
G: Else (21.3.1886 Helmarshausen - 8.5.1887 Helmarshausen); Julius (* 8.6.1888); Max (* 4.6.1891 Helmarshausen, emigrierte 1937 in die USA); drei Halbgeschwister, die im KZ umkamen
Kaufmann. Entstammte einer bodenständigen Familie aus Helmarshausen (heute Bad Karlshafen). Ältester Sohn aus der zweiten Ehe des Vaters. Nahm mit seinen vier Brüdern am 1. WK teil und bekam dafür am 11.1.1935 das "Ehrenkreuz für Frontkämpfer". Im April 1919 eröffnete er mit Paul Katzenstein in MS eine Getreide-, Lebens- und Futtermittelhandlung. Ende der 1920er Jahre spezialisierte sich die Firma auf Futtermittel und Sackgroßhandel, den die beiden Männer lange Jahre in der Annenstr. 17 betrieben. Seit seiner Heirat 1920 wohnte Albert W. Goebenstr. 13, dem Elternhaus seiner Ehefrau. Infolge wachsender Diskriminierung der Juden und Einschüchterung der Kunden durch die NS-Diktatur waren die Einkünfte seit 1937 stark rückläufig. Als seinem Sohn Hans 1937 der weitere Besuch des Gymnasiums verwehrt wurde, ermöglichte er diesem 1938 die Emigration in die USA. Am 1.5.1937 starb seine Frau. Zur Betreuung und Versorgung der Tochter nahm er die Hausangestellte Else Davids aus Darfeld auf. Im Sommer 1938, kurz nach der "Arisierung" der Firma, erschien die Gestapo und verlangte Einsicht in die Geschäftsbücher. Nach der Feststellung von angeblich überhöhten Preisen wurden ihm bei Leugnung Gefängnis- oder KZ-Haft angedroht. Daraufhin gab er nach und bezahlte 2.250 RM Strafe. Als im Novemberpogrom sein Haus von Verwüstungen verschont blieb, wurde es Zufluchtsort von Verwandten, z.B. der Familie Otto Schwarz. Weder Albert W. noch Otto Schwarz blieben von einer zehntägigen Inhaftierung im Polizeigefängnis verschont. Nach dem Pogrom (15.12.1938) mußte das Haus, das der Erbengemeinschaft Stolzberg gehörte, verkauft werden. Der Verkaufserlös wurde u.a. für die "Judenvermögensabgabe", die der jüd. Bevölkerung als "Buße" für die Schäden des Novemberpogroms auferlegt wurde, beschlagnahmt. Im Frühjahr 1939 mußte Albert W. Gold- und Silberwaren für ein geringes Entgelt an die Pfandleihanstalt Dortmund abliefern. Da er aus dem Haus Goebenstr. 13 nach dem Verkauf ausziehen mußte, wurden Möbel und Umzugsgut für seine beabsichtigte Emigration in die USA nach einer Kontrolle durch die Zollbehörde und Zahlung einer "Ausfuhrförderungsabgabe" bei einem Spediteur gelagert. Am 5.9.1939 zog er in ein Zimmer des "Judenhauses" Hermannstr. 44. Am 18.11.1939 wurde sein Konto gesperrt. Neben einem monatlichen Freibetrag von 200 RM wurden ihm zur Unterstützung seiner hilfsbedürftigen Mutter, deren Lebensunterhalt er seit Jahren bestritt, weitere 75 RM gewährt. Im April 1940 lag die Flucht aus Deutschland greifbar nahe, Einreisevisa und Schiffskarten für sich und seine Tochter Lore befanden sich in seinen Händen. Die Abfahrt des Dampfers "Veendam" sollte am 10.5.1940 von Rotterdam aus erfolgen. Aus Kostengründen ließ er einen Großteil der Möbel zurück, wofür ihm eine Summe von 138 RM, die er für die Genehmigung der Mitnahme gezahlt hatte, auf sein Sperrkonto rückvergütet wurde. Einen Tag nach seinem Grenzübertritt (9.5.1940) besetzten deutsche Truppen die Niederlande, Rotterdam wurde bombardiert, das Auswanderergepäck vernichtet und eine andere Schiffspassage war unerreichbar. Vater und Tochter verblieben notgedrungen in den Niederlanden. Als Razzien und Deportationen einsetzten, gelang es Albert W. unter großen Entbehrungen und unwürdigen Bedingungen seit Herbst 1942 in Amsterdam und Haarlem unterzutauchen. Dreimal kam er nach einer Verhaftung durch den SD wieder frei. Er überlebte dank der Unterstützung von hilfsbereiten Menschen. Als er 1946 zu seinem Sohn in die USA gelangte, war er 61 Jahre alt und stand vor dem Nichts. Mit 70 Jahren (1955) arbeitete er in einem Hotelbüro. Im August 1956 wurde ihm eine Berufsschadensrente von monatlich 500 DM zugebilligt, so daß er zu weiterer Berufstätigkeit genötigt war. Er verstarb am 19.12.1970 in New York.

∞ 13.08.1920 MS
EHEFRAU
Else geb. Stolzberg
14.1.1891 MS - 1.5.1937 MS
... [siehe Textzitat oben] ...

KINDER
Hans
* 11.6.1921 MS, lebte 1995 in den USA
Schüler, kaufmännischer Lehrling. War im privaten christl.-jüd. Kindergarten bei Frl. Nachtigäller in der Marks-Haindorf-Stiftung, anschließend in der jüd. Schule. Er besuchte von 1931 bis 1937 das Städt. Gymnasium. Als die Klasse im Schuljahr 1936/37 in ein HJ-Lager ging und der Vater beim Klassenlehrer anfragte, ob sein Sohn sich diesem Lager entziehen dürfe oder müsse, bekam er die Antwort, der Sohn solle sich Ende des Schuljahres (Ostern 1937) sein Abgangszeugnis abholen. Eine schulische Weiterbildung in England wurde wegen nicht genehmigter Devisen unmöglich. Hans W. begann zunächst eine Lehre im Kaufhaus Hertz. Als sich durch einsetzende Diffamierung deren "Arisierung" abzeichnete, konnte er seine Lehre in der Fa. "M.C. Wertheim" in Burgsteinfurt fortsetzen. Auch diese Firma wurde Mitte 1938 zwangsweise aufgegeben. Hans W. emigrierte am 6.7.1938 in die USA, fing als Tellerwäscher an und arbeitete sich bis zum Besitzer von Teeplantagen empor. Er kam nach dem Krieg als amerikanischer Soldat nach MS und fand sein Elternhaus unbeschädigt vor.

Lore
23.1.1925 MS - 1976 USA
Besuchte den privaten christl.-jüd. Kindergarten in der Marks-Haindorf-Stiftung, anschließend die jüd. Volksschule in MS. Sie war seit der Gründung im "Bund Deutsch-Jüdischer Jugend". Erhielt jahrelang Klavierunterricht, der eines Tages von seiten des Klavierlehrers aufgekündigt wurde, da dieser Schwierigkeiten mit der NSDAP bekommen hatte. Da eine Einschulung auf einem Gymnasium seit 1935 in NS-Deutschland kaum noch möglich war, gelang es dem Vater, sie 1938 in Brüssel im jüd. "Home General Bernheim" unterzubringen. Seit dem 13. Lebensjahr war sie im fremden Land auf sich selbst gestellt. Sie besuchte in Brüssel zunächst eine Volksschule zwecks Erlernung der Sprache, später eine höhere Schule. Als es ihrem Vater endlich gelungen war, Visa und Schiffspassagen für die Überfahrt nach Amerika zu erhalten, verließ sie heimlich Brüssel, um sich am 9.5.1940 mit ihrem Vater in Amsterdam zu treffen. Damit sie kein Aufsehen erregte, mußte bis auf das Handgepäck alles zurückgelassen werden. Am 10.5.1940 überfielen deutsche Truppen das neutrale Holland. Eine Flucht in die USA wurde unmöglich, und sie geriet mit 15 Jahren wieder in den Machtbereich des NS-Regimes. Es gelang ihr, bei Verwandten in Amsterdam, Zuider Amstellaan 286, unterzukommen. Seit dem 29.4. 1942 mußte sie wie alle Juden in den besetzten Niederlanden den "Judenstern" tragen. Zweimal wurde sie von der SS zum Abtransport aufgestellt, kam jedoch zunächst jedesmal frei, weil sie in einem "Heeresbetrieb" arbeitete. Sie wurde im Dezember 1942 erneut verhaftet und im Februar 1943 in das KZ Vught-Herzogenbusch verbracht, das unter der Aufsicht des Wirtschaftsverwaltungshauptamtes (WVHA) Berlin stand. Sie arbeitete dort in den Werkstätten der Philips-AG, wo sie einmal täglich eine warme Mahlzeit erhielt und von der Deportation bis Juni 1944 ausgenommen war. Am 2.6.1944, vier Tage vor der Landung der Alliierten in der Normandie, wurde sie mit den letzten Philips-Zwangsarbeitern über das Sammellager Westerbork nach Auschwitz deportiert (3.6.1944). Am 6.6.1944 wurde sie an der Rampe "selektiert" und mit der eintätowierten Nummer 87.823 ins KZ eingewiesen, wo sie bei der Firma Telefunken arbeiten mußte. Beim Vorrücken russischer Truppen wurde sie ins KZ Groß-Rosen verlegt, von dort in das Lager "Sportschule" bei Reichenbach/Schlesien, wo sie Radioröhren herstellte; sie wurde dort kahlgeschoren. Wenige Tage vor Kriegsende wurde sie mit einem Transport nach Hamburg überführt. An Flecktyphus erkrankt, wurde sie vom Schwedischen Roten Kreuz gerettet und nach Malmö gebracht, wo sie bis August 1945 gesundgepflegt wurde. Danach traf sie in Haarlem/NL mit ihrem Vater zusammen. Von Dezember 1945 bis Juni 1946 absolvierte sie in Genf mit Unterstützung internationaler Hilfsorganisationen eine Erzieherinnenausbildung. Sie betreute Heimkinder, deren Eltern Opfer des Krieges geworden waren. Mit ihrem Vater wanderte sie dann in die USA aus, heiratete, wurde am 26.6.1950 amerikanische Staatsbürgerin und baute mit ihrem Ehemann ein Haushalts- und Spielwarengeschäft auf. Sie verstarb im Alter von 51 Jahren als Lore Cole in den USA.

aus:  Korrigenda- und Ergänzungsliste zum Biographischen Lexikon, August 2001
S. 544
WERTHEIM
Albert
E: Joseph Wertheim (19.9.1845 Helmarshausen - 21.7.1915 Helmarshausen) und Johanna geb. Hecht (*31.3.1862 Rohden/Twiste)
Seine Mutter zog am 27.10.1939 von Helmarshausen nach MS, Hermannstr. 44; ihre Emigration nach New York erfolgte am 30. April 1940 von Helmarshausen.

 


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