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Im „Dritten Reich“ (1933–1945)

Ab Mai 1934 fanden Verhandlungen zwischen der Stadt Münster und der Heeresverwaltung statt, „für den Unterstab des Wehrkreiskommandos einem Divisionsstab Unterkunft zu schaffen“. Den Vorschlag, das Gelände des alten katholischen Friedhofs an der Roxeler Straße dafür zu nutzen, lehnte die Stadt ab und schlug stattdessen das gegenüberliegende Terrain vor, das unterschiedlichen kirchlichen Besitzern gehörte und das man durch Tausch zu einem genügend großen Grundstück zusammensetzen wollte. Es handelte sich dabei um die Liegenschaften, die nach Westen und Norden den Jüdischen Friedhof umgaben. Die langwierigen Verhandlungen um diese Grundstücke zogen sich bis Ende 1938 hin. Zwischenzeitlich entstanden bereits Bebauungspläne für die neue Kasernenanlage, die zeigen, dass der Friedhof der Jüdischen Gemeinde ausgespart bleiben sollte, nach Westen ein Garten für die Offiziere und nach Norden der Reitplatz mit den Stallungen vorgesehen war. Wann mit dem Bau der Kaserne begonnen, wann sie fertiggestellt und wie sie genutzt wurde, ist bisher nicht bekannt. Während des Krieges ist als Eigentümer der Reichsfiskus (Heer) verzeichnet, nach 1949 ging sie in das Eigentum der Bundesrepublik über. 1945 wurde das Gebäude von der Evang. Diakonie als Haus für wohnungslos gewordene Menschen, später als Heim für ältere Menschen eingerichtet und erhielt den Namen „Martin Luther-Haus“. Von ca. 1961 bis 2019 wurde es wieder als Kaserne genutzt (Blücherkaserne).

Im Januar 1936 wurden laut Gestapobericht auf dem münsterischen Begräbnisplatz ‚eine Reihe von Grabsteinen‘ umgeworfen. Weitere Friedhofsschändungen sind aus der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft nicht bekannt. Allerdings wurden während des Krieges zwecks Einschmelzung für die Rüstungsindustrie zahlreiche metallene Grabumrandungen entfernt.

Am 10. Juli 1944 forderte das ‚Reichsinstitut für die Geschichte des neuen Deutschlands‘ vom Stadtarchiv Münster eine Bestandsaufnahme der Grabsteine des Friedhofs zwecks weiterer genealogischer Forschungen an, da man diesen Datenbestand sichern wollte, aber der ‚Weiterbestand der Judenfriedhöfe‘ fraglich sei. Offensichtlich war an eine Enteignung oder Veräußerung gedacht. Erwähnt wird ein Kaufangebot vom 15. Mai 1944, doch: „die Flurgrundstücke und die Grabdenkmäler dürfen nur zu einem dem vollen Wert entsprechenden Preis verkauft werden“. Der Friedhof war laut Grundbuch 1945 noch Eigentum der Synagogengemeinde Münster.

Im Jahr 1933 lag die Anzahl der Bestattungen deutlich unter dem Durchschnitt der vorherigen und folgenden Jahre, vielleicht eine Folge der ersten diskriminierenden Gesetze der NSDAP und des Kaufhausboykotts, nach dem die ersten jüdischen Familien begriffen, dass ihnen dieses Land keine Zukunft mehr offenhalten wollte. Auf den ersten Blick scheint der Friedhof auch weiterhin die Alltagnormalität zu spiegeln; wer aber genauer hinschaut, erkennt sprechende „Leerstellen“ auf einer Reihe von Grabsteinen.

Als Ottilie Cohen 1932 verstarb, erwarb ihr Ehemann Benjamin Cohen eine Doppelgruft und setzte zur Jahrzeit seiner Frau einen repräsentativen Stein, auf dem ihr Name eingraviert wurde. Benjamin Cohen war Soldat im Ersten Weltkrieg gewesen, und er erhielt noch am 3. November 1934 das „Ehren­kreuz für Frontkämpfer“, ein Signal für viele jüdisch-deutsche Familien damals auch in Münster, dass der nationalsozialistische Staat ihnen nichts anhaben würde, wenn sie sich nur loyal und patriotisch verhielten. Das renommierte Textilgeschäft, in dem er tätig war, hatte schon 1929 der Weltwirtschaftskrise nicht standgehalten, so dass er ab Herbst 1933 nur noch als Vertreter für Kurzwaren unterwegs war. Im Januar 1942 gehörte er zu denen, die zum Umzug in das Gebäude der Marks-Haindorf-Stiftung gezwungen wurden, das letzte sogenannte „Ju­den­haus“. Am 31. Juli 1942 wurde er mit der Transport-Nr. XI/1–745 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und ging bereits sechs Wochen später an den Lager­bedingungen zugrunde. Die für ihn bestimmte Seite des Grabsteins blieb leer (L18).

Weitere Beispiele: Moritz Stern (L25) verstarb 1930; seine Frau Therese entschloss sich nach der Pogromnacht im November 1938 als bereits fast 70-Jährige, nach England zu emigrieren – auch hier die Leerstelle auf dem Stein.

Bernhardine Hirsch (L45) starb 1929. Der gut gehende Getreidehandel ihres Mannes wurde ab 1933 systematisch boykottiert und brach zusammen. Arthur Hirsch emigrierte wahrscheinlich ebenfalls 1938 in die USA.

Die Grabstelle von Margarete Sander (L55) ist durch die Umrahmung als Doppelgrab gekennzeichnet. Ihr Ehemann Albert Sander (L55) wurde am 31. März 1942 als über 70-Jähriger zusammen mit seiner Tochter nach Warschau deportiert, wo sich ihre Spur verliert.

Die letzte nachweisbare Bestattung auf dem Jüdischen Friedhof Münster fand im Juli 1942 statt: Einen Tag vor ihrer De­por­ta­tion verstarb Rosa Marcus in der Marks-Haindorf-Stiftung. Die Umstände ihres Todes blieben unausgesprochen, um ihr das Begräbnis neben ihrem Ehemann nicht verwehren zu müssen. In der Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem, haben Angehörige für sie und ihren Ehemann sowie für ihre Schwester Mathilde einen Hain von mehr als 300 Bäumen zu ihrem Andenken gepflanzt.

Literatur:

Gisela Möllenhoff / Rita Schlautmann-Overmeyer, Art. „Münster“, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe, Bd. 2, Münster 2008, S. 487–513, hier S. 509.

Gisela Möllenhoff / Rita Schlautmann-Overmeyer, Jüdische Familien in Münster 1918–1945. Biographisches Lexikon, Münster 1995.

Sharon Fehr (Hrsg.), Erinnerung und Neubeginn. Die jüdische Gemeinde Münster nach 1945. Ein Selbstporträt, Münster 2013, bes. S. 205–211 zu den jüdischen Friedhöfen Münsters.

 

Ungedruckte Quellen:
Stadtarchiv Münster – Verwaltungsarchiv – Liegenschaft / Amt 23, Nr. 734: Gebäude­beschaffung für Dienstgebäude eines Divisionsstabes und eines Stabsquartiers nördlich der Roxeler Straße.

Adressbuch der Stadt Münster 1934–1965

(zusammengestellt von Marie-Theres Wacker)