Erinnerungskulturelles Schülerprojekt am Gymnasium Paulinum in Münster

Gedenkstein für den ehemaligen jüdischen Friedhof

Gedenkstein auf dem Schulhof des Gymnsiums Paulinum in Münster © Birgit Seggewiß

Gedenkstein auf dem Schulhof des Gymnsiums Paulinum in Münster © Birgit Seggewiß

 

Bei der Suche nach jüdischen Spuren in unserer Stadt stießen die Schülerinnen und Schüler des Kunstkurses der Jahrgangstufe Q1 im Schuljahr 2013/14 auf den weitgehend in Vergessenheit geratenen mittelalterlichen jüdischen Friedhof Münsters. Neuere Forschungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatten ergeben, dass sich der Friedhof in der Umgebung des heutigen Paulinum befunden hat. Lediglich ein einziger Grabstein von 1324 ist erhalten, der heute in der Synagoge Münsters aufbewahrt wird.

Jüdisches Leben in Münster ist bereits seit dem 12. Jahrhundert belegt; die Jüdische Gemeinde der Stadt war eine der ersten in Westfalen. Als zwischen 1348 und 1351 die Pest in Europa wütete, suchten allerdings auch die Münsteraner die Verantwortung bei den Juden. Der jüdische Friedhof wurde während eines Pestpogroms 1350 geschändet und zerstört, die Grabsteine abgeräumt und anderweitig verbaut. Die Jüdische Gemeinde Münsters hörte für Jahrhunderte auf zu existieren.

In einer eigens eingerichteten Projektgruppe der Fachbereiche Geschichte und Kunst vertieften wir die Beschäftigung mit dem Thema innerhalb und außerhalb des Unterrichts. Im Fach Geschichte wurden Quellen und Dokumente der Stadtgeschichte befragt; im Kunstunterricht wurden Formen künstlerischer Auseinandersetzung mit dem Thema diskutiert und konkretisiert. Fächerübergreifend wurde im Religionsunterricht neben den vorgesehenen Inhalten zum jüdischen Leben, zur jüdischen Religion und Symbolik und zur christlich-jüdischen Erinnerungskultur nun auch der ehemalige jüdische Friedhof Gegenstand einer intensiven Auseinandersetzung.

Inschrift des Gedenkssteins © Birgit Seggewiß

Inschrift des Gedenkssteins © Birgit Seggewiß

Nach jüdischer Lehre ist ein Friedhof ein „Haus der Ewigkeit“. Unserer Projektgruppe war es vor diesem Hintergrund ein Anliegen, der Erinnerung an diesen Ort angemessenen Ausdruck zu verleihen. In enger Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde Münsters entwarfen die Schüler einen Gedenkstein, der gleichsam Erinnerungsort und Mahnung sein sollte. Bestehend aus versetzten Ebenen, welche die Schichten der Vergangenheit symbolisieren, soll der Gedenkstein die Erinnerung an den frühen Ort jüdischen Lebens in Münster und an dessen Zerstörung durch das Pogrom erneuern und aufrecht erhalten. Die Inschrift „…MEINES BRUDERS HÜTER?“ (Gen 4,9), die der Gedenkstein in hebräischer und deutscher Sprache trägt, wurde zusammen mit der Jüdischen Gemeinde gewählt. Er erinnert an Kains vergeblichen Versuch, Gott über den Verbleib seines Bruders Abel zu täuschen und sich der Verantwortung für den Brudermord zu entziehen. Mit der Erinnerung an diese biblische Episode ist ein Appell an die heutige und an zukünftige Schülergenerationen verbunden: „Ja, wir sollen – wir müssen! – die Hüter unserer Schwestern und Brüder sein!“. Die Betonung wechselseitiger Verantwortlichkeit hat für uns gerade auch heute, vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher und politischer Herausforderungen, eine zunehmende Bedeutung.

Erinnerungsteine auf dem Gedenkstein  © Birgit Seggewiß

Erinnerungsteine auf dem Gedenkstein © Birgit Seggewiß

Um ein schulübergreifendes Bewusstsein für den ehemaligen jüdischen Friedhof und eine breite gesellschaftliche Unterstützung für unser Vorhaben herzustellen, wandten sich die Schüler der Projektgruppe gemeinsam mit der Schülervertretung unserer Schule an den Oberbürgermeister Münsters, an Vertreter der Kirchen, an die städtischen Institutionen zur politisch-historischen Bildung und an die Schulgemeinschaft. Von allen Seiten wurde uns eine beeindruckende Unterstützung bei unserem Vorhaben zuteil. Auch dank dieser breiten Unterstützung konnte am 29. April 2015 der Gedenkstein schließlich in einem feierlichen Festakt der (Schul-)Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Als Internationale Schule mit Schülerinnen und Schülern ganz unterschiedlicher Herkunft und Religion ist es uns besonders wichtig, aktiv einzutreten für Toleranz, Akzeptanz und wechselseitige Wertschätzung.

Wir tragen die Verantwortung für einen bewussten Umgang mit unserer Geschichte: Der Gedenkstein auf dem Schulhof soll sowohl die Erinnerung an frühes jüdisches Leben in Münster aufrecht erhalten, als auch des Pogroms und der Vernichtung der mittelalterlichen Jüdischen Gemeinde gedenken und unser Zeichen gegen das Vergessen sein.

 

Die Projektgruppe mit den betreuenden Lehrpersonen
Thomas Deibert und Birgit Seggewiß

 

Fotos des Festaktes anlässlich der Enthüllung des Gedenksteins am 29. April 2015.

 

Zurück zur Geschichte des jüdischen Friedhofs an der Einsteinstraße.