Dank von Prof. Dr. Marie-Theres Wacker

Mir kommt nun die schöne Aufgabe zu, danke zu sagen: danke, Frau Ministerin Scharrenbach, für die Förderung unseres Projektes einer digitalen Erschließung der jüdischen Heimat Münster. Mit dieser Bewilligung macht Ihr Ministerium deutlich, dass Sie Heimat / weit und inklusiv fassen. Sie geben das Signal, dass es gut ist die Augen zu öffnen, wenn wir von Heimat sprechen. In diesem Jahr, da auf 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland zurückgeblickt wird, liegt es nahe, Heimat auch und gerade in ihren jüdisch-deutschen oder deutsch-jüdischen Facetten in den Blick zu nehmen. Unser Projekt will dazu beitragen, hier, in der Stadt Münster.

Lassen Sie mich noch einmal an den Ort anschließen, an dem wir uns befinden. In meinem Begrüßungsworten sprach ich vom ältesten Grabstein dieses Friedhofs aus dem Jahr 1816. Er wurde gesetzt für Sophie Haindorf, die Frau des Mediziners, Kunstsammlers und Förderers der jüdisch-deutschen Akkulturation Alexander Haindorf, der ebenfalls hier begraben liegt. Ihre Tochter, die nach ihrer Mutter ebenfalls Sophie genannt wurde, wollte in der jüdisch-deutschen Akkulturation weitergehen als ihr Vater. Sie hatte den Wunsch, dass ihre sieben Kinder getauft würden, stellte die Taufe damals doch das Entréebillet für eine Anerkennung der Juden und Jüdinnen als gleichberechtigte preußische Bürgerinnen und Bürger dar. Sophie war bereit ihr Judentum und das ihrer Familie aufzugeben, um voll und ganz als Deutsche gelten zu können.

Ihr Mann Jakob Loeb aber war dagegen. „Ich für meine Person, so schrieb er in einem Brief im Jahr 1857[1], ich für meine Person habe den Glauben, dass man in jeder Religion gleich glücklich leben kann, denn ich finde im Choran oder im Neuen Testament // nicht mehr Weisheit und Sittlichkeit // als im Alten Testament.“ Diesen Satz finde ich bemerkenswert – schon vor mehr als 150 Jahren hatte Jakob Loeb auch den Koran im Blick und damit die Religion des Islam. Schon er stellt – in der Linie Lessings mit seinem Nathan dem Weisen – die drei monotheistischen Religionen des Judentums, des Christentums und des Islam / auf eine Stufe, was die Tiefe oder den Wert ihrer Weisheit und Sittlichkeit betrifft, was also ihre Lebensklugheit und ihre Ethik angeht. Lebensklugheit und Ethik – das aber sind nun eben jene Bereiche, über die man mit Menschenverstand und politischer Vernunft gemeinsam diskutieren und die man gemeinsam in politisches Handeln überführen kann. Sie sind der allgemeinen Vernunft zugänglich, darüber kann man sich verständigen, auch wenn man eine andere Religion hat. Wenn aber nun die „herrschende Religion (damit meint Jakob Loeb zu seiner Zeit das Christentum) das Leben erschwert / und als Bedingung der Gleichberechtigung das Opfer eines Wechselns verlangt“, dann, so paraphrasiere ich ihn, dann ist das keine Frage der besseren Religion, sondern nur eine Frage der Macht, und dann wäre der Vollzug der Taufe lediglich ein sich Beugen unter die Macht der Umstände.

Damit hat Jakob Loeb Gedanken in den Raum gestellt, die, in die Gegenwart übertragen, nichts an Aktualität verloren haben. Zwar spricht man heute nicht mehr von Taufe, aber man spricht von der Wertegemeinschaft des christlichen Abendlandes, die die überlegene ist und die es zu betonen gilt. Wenn von einer solchen Warte aus aber // Menschen anderen Glaubens und anderer Kultur ausgeschlossen werden davon, in Deutschland heimisch zu werden, hat sich diese Wertegemeinschaft als eine erwiesen, die nur ihre Macht ausspielt, statt offen und flexibel auf neue Herausforderungen zu reagieren. Ich weiß, dass ich damit ein großes und komplexes Thema anspreche, zu dem auch verwickelte politische Abhängigkeiten gehören. Umso wichtiger ist es, dass die Menschen, die in unserem Land mit unterschiedlicher Kultur und unterschiedlichen Glaubensüberzeugungen zusammenleben, einander mit Respekt und Wohlwollen begegnen, damit ihnen hier Heimat entstehen kann. Wir hoffen, dass unser Projekt dazu einen Beitrag leisten wird.

Danken für Ihr Engagement möchte ich abschließend an dieser Stelle aber auch Frau Regierungspräsidentin Feller, Schirmherrin unseres Vereins praktisch seit seiner Gründung. Ohne Ihre Ermutigung, Frau Feller, hätten wir uns als eher kleine Schar wohl nicht vorstellen können, ein so großes, dh aufwändiges und auch teures Projekt anzugehen. Danke, Frau Feller, für Ihre Anregung, danke für Ihre Unterstützung, danke für Ihre Solidarität mit den Themen und Zielsetzungen unseres Vereins.

[1] Quelle: Helga Böhme – Juliane Kraus, Ein Vermächtnis, Die Bibliothek Alexander Haindorf Sammlung Loeb Böhme, Norderstedt (Books on Demand) 2013, 38f.