Begrüßung von Prof. Dr. Marie-Theres Wacker

 

© Foto: Peter Leßmann

© Foto: Peter Leßmann

Sehr geehrte Anwesende,

ich begrüße Sie an diesem Morgen, an diesem Ort als Vorsitzende des Vereins zur Förderung des Jüdischen Friedhofs. Ich freue mich, dass einige Vereinsmitglieder anwesend sein können, ein Gruß geht an die Presse und an den Fotografen – ich begrüße auch besonders Frau Regierungspräsidentin Feller, die Schirmherrin unseres Vereins, und ich freue mich ganz außerordentlich, dass Sie, Frau Ministerin Scharrenbach, aus Düsseldorf den Weg zu uns nach Münster gefunden haben.

Lassen Sie mich ein paar Worte zu dem Ort sagen, an dem wir versammelt sind: der jüdische Friedhof an der Einsteinstraße ist nicht der erste Begräbnisplatz einer jüdischen Gemeinde in Münster. Bereits im Mittelalter gab es hier eine Gemeinde, die ihr Zentrum in der Nähe des historischen Rathauses hatte. Von ihrem Friedhof sind nur einige Bruchstücke von Grabsteinen erhalten, die immerhin zu den ältesten in Westfalen gefundenen gehören und auf den Anfang des 14. Jahrhunderts datieren. Diese Gemeinde wurde während der Pestjahre 1348–1350 ausgerottet, und der Magistrat der Stadt Münster sorgte durch viele Jahrhunderte hinweg dafür, dass keine neue dauerhafte Ansiedlung von Juden in der Stadt mehr stattfinden konnte.

Erst unter der französischen Besatzung Münsters, genauerhin ab 1810 wurde die Niederlassung jüdischer Familien wieder möglich. Diese frühen Familien setzten sich auch dafür ein, dass ihnen ab 1812 ein Grundstück zugewiesen wurde – der Grund, auf dem wir hier stehen – auf dem sie ihre Toten bestatten konnten. Der Friedhof an der Einsteinstraße ist damit ein Zeugnis dauerhafter Präsenz jüdischer Familien seit mehr als 200 Jahren. Aus dieser frühen Zeit ist leider nur ein einziger Grabstein aus dem Jahr 1816 erhalten.

Man kann sagen, dass die erste Generation, die sich hier ansiedelte, vielleicht noch nicht daran dachte, in der Stadt Münster auch eine Heimat zu finden, aber beheimatet in der näheren Umgebung des Münsterlandes waren bereits alle, die ab 1810 hierherkamen: aus Warendorf, aus Telgte, aus Coesfeld, aus Dülmen, um nur einige Orte zu nennen.

Ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs die Gemeinde an, ab dieser Zeit mehren sich auch die hier erhaltenen Grabsteine, und spätestens ab der Zeit des Kaiserreiches, erst recht in der Weimarer Zeit kann man sehen, dass sich die jüdischen Familien in Münster als Teil der Stadtbevölkerung neben ihren christlichen Nachbarn sahen und sich über Generationen hinweg in der Stadt beheimateten. Sie waren Mitglieder von Vereinen, sie schickten ihre Kinder auf die renommierten katholischen Gymnasien; sie bauten auch eine repräsentative Synagoge, die vom Stil her traditionell jüdisch-maurische und eher christlich-neoromanische Elemente verband, ihre Grabsteine dokumentieren ebenfalls die Symbiose, die sich hier vollzog. Am Ende des Dritten Reiches war diese Gemeinde brutal vernichtet; ihre Mitglieder verfolgt, verjagt, deportiert.

Nach bescheidenen, aber umso mutigeren Aufbaujahren nach der Shoah konsolidierte sich die Gemeinde in den 1960er bis 1980er Jahren, erbaute 1961 eine neue Synagoge, hatte auch wieder einen eigenen Kantor, und erlebte ab 1990 einen starken Zuzug aus den Ländern der ehemaligen UdSSR. Einer der Grabsteine aus dieser jüngsten Phase der jüdischen Gemeinde dokumentiert eindrucksvoll die jetzt gegebene kulturelle Mehrschichtigkeit und die Herausforde­rungen, die sich hier für alle Seiten ergeben: der Stein trägt eine Inschrift in kyrillischen Buchstaben, der Schrift und Sprache des Herkunftslandes, eine Inschrift auf Hebräisch, der Schrift und Sprache der kulturellen bzw. religiösen Tradition, in die sich der Bestattete einschreibt, und eine Inschrift in lateinischen Buchstaben und in deutscher Sprache, der Sprache des Landes, in dem die Familie des Verstorbenen nun angekommen ist. Gerade der Friedhof der jüdischen Gemeinde ist von daher ein sprechender Ausgangspunkt und zugleich Kristallisationsort für das Thema Heimat.

Nun aber übergebe ich das Wort an Sie, Frau Ministerin Scharrenbach.