Geschichte

des jüdischen Friedhofs an der Einsteinstraße

 

Bereits die mittelalterliche jüdische Gemeinde Münster, deren Anfänge bis ins 13. Jh. zurückreichen, besaß einen Begräbnisplatz. Er lag auf dem Gelände des heutigen Gymnasium Paulinum. Nur ein einziges Grabsteinfragment aus dem Jahre 1324 ist von diesem Friedhof erhalten. Einige wenige andere wurden im Verlauf des 19. Jh.s bei Bauarbeiten an verschiedenen Orten Münsters „wiederentdeckt“, weil sie zur Verstärkung von Fundamenten oder Mauerwerk benutzt worden waren. Von einigen dieser Steine liegen damals gefertigte Abschriften vor.

Mit einem Gedenkstein, der am 29. April 2015 bei einem feierlichen Festakt enthüllt wurde, erinnert das Gymnasium Paulinum an den mittelalterlichen jüdischen Friedhof. Weitere Informationen zu diesem erinnerungskulturellen Schülerprojekt finden Sie hier.

Nach der Auslöschung der Gemeinde im Zusammenhang der Pogrome von 1348-1350 lebten nur kurzzeitig im 16. Jahrhundert zur Zeit des Bischofs Franz von Waldeck noch einmal jüdische Familien in Münster, die aber wohl keinen eigenen Begräbnisplatz hatten. Nach dem Tode dieses Bischofs konnte die Stadt Münster ihr Recht durchsetzen, die Ansiedlung von Juden zu verhindern. Erst als Münster unter die Herrschaft des französischen Kaiserreiches gekommen war, wurde Juden ab 1810 die Niederlassung wieder gestattet.

 

Ein Notfall …

 

Anfang Januar 1811 traten Abraham Lefman, Salomon Lefman und Nathan Metz als Vertreter der Münsteraner Judenschaft an den geschäftsführenden Bürgermeister (maire ad interim) Johann Heinrich Schweling heran und gaben zu Protokoll,

„daß bis dato für ihre Todten ihnen noch keine Begräbnisstätte zugewiesen sey, sie hätten gegenwärtig den Fall, daß sie einen Todten hätten, ihre Gesetze erlaubten nicht, ihre Todte über einen halben Tag stehen zu lassen, indeß müßten und wollten sie sich gern den bestehenden Gesetzen fügen, und gebethen haben, ihnen sobald als möglich einen Ort zum Begräbnis ihrer Religionsverwandten zuweisen zu lassen“ (Stadtarchiv Münster, Stadtregistratur Fach 36,6, fol. 1).

Ein Todesfall in der Gemeinde ist hier Auslöser für den Antrag auf Zuweisung eines Begräbnisplatzes; gleichzeitig wird der Handlungsdruck auf jüdischer Seite deutlich, der in der religionsgesetzlichen Vorgabe besteht, Verstorbene möglichst noch am gleichen Tag zu begraben.

Schweling antwortete ausweislich entsprechender Notizen auf der Rückseite des eingegangenen Schreibens umgehend, dass eine sofortige Zuweisung eines Grundstückes nicht möglich sei, da eine „höhere Ratification“ eingeholt werden müsse und weitere Formalitäten zu beachten seien. Für diesmal müsse er deshalb darum bitten, das verstorbene Kind auf einem Nachbarfriedhof beisetzen zu lassen. Im Übrigen treffe aber auch die Gemeinde selbst Schuld an der jetzigen mißlichen Situation, da sie ein entsprechendes Gesuch schon früher hätte einreichen können.

 

Auseinandersetzung zwischen Commune und Präfekt

 

Gleichzeitig ließ Schmeling prüfen, ob außerhalb der Stadttore, wo Anfang des 19. Jh.s auch neue katholische Friedhöfe angelegt worden waren, ein geeignetes Grundstück für einen jüdischen Friedhof zu finden sei, und trat wenige Tage später mit bereits sehr konkreten Vorschlägen an den in Münster residierenden Präfekten des Département Ems, Karl Josef von Mylius, heran:

„Schon vor nun geraumer Zeit trugen die hier wohnenden jüdischen Kaufleute mir mündlich ihren Wunsch vor, eine Begräbnisstelle zu haben, wo sie ihre Todten gemäß ihren Bräuchen begraben könnten. Ich bemerkte ihnen darauf, dass sie mir ihren Wunsch schriftlich vorstellen möchten um darüber berichten zu können, allein dies unterblieb, bis vor ein paar Tagen ein Kind aus ihrer Gemeinde dahier verstarb. Nun kamen sie ganz in Verlegenheit bey mir und gaben mir die schriftliche Vorstellung um Zuweisung eines Begräbnisplatzes ein. Ich veranstaltete […] , daß ein Platz dazu ausgemittelt würde, und fand mit ihnen einen Platz aus dem Neuen Thor dazu schicklich, welcher einer von den neu angelegten Gärten vor demselben Thor […]
[….] allein es ging nicht an, selben Platz ihnen sofort eigenthümlich zu überweisen, weil die Veräußerung eines Communal-Grundstückes mehreren Formalitäten unterworfen ist, und so wurde die (sic!) Begräbnis des Kindes für diesmal auf dem jüdischen Friedhof zu Telgte besorgt.
Die Juden wünschen indeß sehnlichst die baldige Zuweisung eines Begräbnisplatzes für ihre Gemeinde, ich habe nachher daher auch andere Orte des Endes besehen, und finde zum Beispiel auch einen Platz vor Ludgeri Thor gegen der Bleiche über dazu geeignet.
Bey diesen Umständen muß ich Sie Herr Präfekt dringendst bitten, mich [….] zu bescheiden, wie ich bey Ueberlaßung eines derartigen Begräbnisplatzes aus den Communal-Grundstücken zu verfahren habe.“ (Staatsarchiv Münster, Regierung Münster, Nr. 17163, 1810 Acta wegen Anlegung der Begräbnisplätze für die jüdischen Gemeinden, Schreiben vom 10. Januar 1811)

Schweling macht die aktuelle Notlage der jüdischen Gemeinde deutlich, wenn ihm auch wichtig ist festzuhalten, dass nicht er sie verschuldet hat. Zugleich aber stellt er sich auf die Seite der Bittsteller, indem er ihren Wunsch nachdrücklich unterstreicht. Zudem hält er seine bereits erfolgten Bemühungen, gemeinsam mit den Gemeindevertretern eine geeignete Lösung zu finden, fest und fordert eine Stellungnahme des Präfekten dringlich ein.

Der Präfekt reagierte in einem Schreiben vom 18. 1. 1811 an den maire ad interim auf das Anliegen wie folgt:

„Aus ihrem Briefe vom 10ten d. M. habe ich ersehen, daß die jüdische Gemeinde hieselbst um die Anweisung eines Platzes ersucht, wo sie nach den Gebräuchen ihrer Religion ihre Todten begraben kann, und daß sie hierzu die Überlassung eines Communal-Grundstücks in Vorschlag bringen. Ich bemerke Ihnen darauf, daß es der Gemeinde zwar überlassen bleibt, der jüdischen Gemeinde einen beliebigen Platz zu ihren Begräbnissen anzuweisen ohne die in dem Art 45 & 46 des Großherzoglichen Decrets vom 13ten October 1807 vorgeschriebenen Formalitäten zu beobachten, aber die Friedhöfe selbst ein communales Eigentum bleiben. Mir scheint indessen, daß die Anlegung eines besonderen Kirchhofs für die hiesige kleine jüdische Gemeinde unnöthig sey, und die Anweisung eines besonderen etwa einzufriedigenden Platzes auf einem der vor den Thoren angelegten neuen Kirchhöfe hinreichend seyn dürfte“ (Stadtarchiv Münster, Stadtregistratur Fach 36,6, fol. 4)

Von Mylius weist auf die Neuordnung der Verwaltung im Großherzogtum Berg vom 13.10. 1807 hin und sieht auf dieser Basis prinzipiell die Möglichkeit der Zuweisung eines der städtischen Gemeinde gehörenden Grundstücks, nicht aber dessen Verkauf an die jüdische Gemeinde. Er gibt jedoch deutlich zu verstehen, dass aus seiner Sicht kein eigener jüdischer Friedhof geschaffen werden muss, sondern der jüdischen Gemeinde auf einem der christlichen Friedhöfe eine abgegrenzte Parzelle zur Verfügung gestellt werden sollte.

Schweling aber blieb bei seiner Vorstellung und bestätigte der jüdischen Gemeinde:

„Auf Ihre Eingabe vom 7ten vorigen Monats um Zuweisung eines Begräbnisplatzes für ihre Gemeinde erwiedere ich ihnen auf dem Grund einer deshalb eingeholten Resolution des Herrn Präfecten, daß ihnen zu diesem Endzwecke ein Communal-Platz zum Gebrauche zugewiesen werden kann. Ich schlage Ihnen daher dazu einen Platz aus dem neuen Thore vor, welchen ich nebst einigen Deputirten von Ihnen bereits vor einiger Zeit angemessen gefunden habe, er liegt daselbst am Coesfelder Wege, ist von den dort angelegten Gartenplätzen der letzte sub no 10 der darüber aufgenommenen Karte und liegt bey des Herrn Gografen Wemhof gehörigen Grundstücken“ (Stadtarchiv Münster, Stadtregistratur Fach 36,6, fol. 5, datiert auf den 5. Februar 1811)

Dieses Grundstück sei allerdings derzeit noch für einige Jahre an einen gewissen Lutterbeck verpachtet. Wenn es der jüdischen Gemeinde gelänge, mit genanntem Lutterbeck über eine vorzeitige Abtretung des Grundstückes einig zu werden, könne die Sache weiter verfolgt werden.

Die jüdischen Gemeindevertreter verhandelten mit Lutterbeck und erreichten, dass dieser das Grundstück vor Ablauf der Mietfrist abtrat. Daraufhin richtete Schweling an den Präfekten die Bitte um „Authorisation“,

„genannten Platz der jüdischen Gemeinde unentgeldlich zu ihrem Gebrauch und Anlage ihres Begräbnisplatzes, mit Vorbehalt des Eigenthums von seiten der Commune überweisen zu mögen.“ (Staatsarchiv Münster, Regierung Münster, Nr. 17163, 1810 Acta wegen Anlegung der Begräbnisplätze für die jüdischen Gemeinden, Schreiben vom 16. April 1811)

Von Mylius aber bestand gegenüber Schweling darauf, ihm

„die Anstände anzuzeigen, die Sie bey Erledigung meiner früheren desfallsigen Verfügung finden“ (Stadtarchiv Münster, Stadtregistratur Fach 36,6, fol. 8; Schreiben vom 11. 5. 1811)

Schweling nannte Gründe aus katholischer wie auch aus jüdischer Sicht für seine Entscheidung:

„Nicht allein daß es anstößig sein würde, wenn Juden auf einem geweiheten Kirchhof der Christen begraben würden, sondern auch, weil es in kanonischer Hinsicht (?) unzulässig sein soll, und die Juden es nach ihrem ritual nicht thuen dorfen, fand ich Anstand, einen Platz auf dem Kirchhofe der Christen zu dem jüdischen Begräbnis auszumitteln …“ (Stadtarchiv Münster, Stadtregistratur Fach 36,6, fol. 8; Schreiben vom 11. 5. 1811, Rückseite)

Ein Antwortschreiben des Präfekten findet sich in den Akten nicht; vielleicht hat es auch ein solches gar nicht gegeben, denn im Juni 1811 wurde von Mylius abgelöst durch den neuen Präfekten Victorien Jean Charles de Lasteyrie du Saillant; Münster gehörte nach einer erneuten Verwaltungs-Reorganisation im französischen Kaiserreich inzwischen zum Département Lippe.

 

Erneut ein Notfall

 

Ein Jahr später, am 1. Juni 1812, unternahm die jüdische Gemeinde einen erneuten Vorstoß, zu einer eigenen Begräbnisstätte zu kommen. Nathan Metz richtete im Namen der Gemeinde einen flammenden Appell unmittelbar an den neuen Präfekten:

„Monsieur le Comte,
schon seit mehreren Jahren hat die unterzeichnende Jüdische Gemeinde der Stadt Münster viele Anstrengungen sowohl beim Bürgermeister von Münster als auch bei Herrn von Mylius, dem vormaligen Präfekten, unternommen, um einen Friedhof für ihre Gemeinde zu erhalten, bisher ohne Erfolg. Gegenwärtig sind wir in außerordentlicher Verlegenheit, weil ein Todesfall bei uns stattgefunden hat; das Kind des Herrn Lefmann ist gestern verstorben. Glücklicherweise haben wir seit einiger Zeit eine Regierung, die alle Religionsgemeinschaften ohne Unterschied schützt und sie ihre gottesdienstlichen Angelegenheiten ohne die geringste Beeinträchtigung ausüben lässt. Deshalb müssen wir uns, Herr Graf, der Sie an der Spitze der Verwaltung stehen und dafür bekannt sind, allen berechtigten Klagen Recht zu geben, an Sie wenden, damit Sie Abhilfe schaffen. Wir haben mit jemandem aus der Stadt Münster eine Übereinkunft getroffen, der uns den notwendigen Platz abtritt, welcher sich in genügendem Abstand zur Stadt befindet. Wir bitten Sie inständig, Herr Graf, diese Übereinkunft zu bestätigen. Voller Vertrauen in die Güte, mit der sie die, die sich an Sie wenden, aufzunehmen geruhen, und in die Gerechtigkeit, mit der Sie deren Anliegen wertschätzen, erhoffen sich die Unterzeichnenden eine baldige und positive Entscheidung von Ihnen, Herr Graf, Präfekt.“ (Staatsarchiv Münster, Regierung Münster Nr. 17163, Schreiben vom 1. 6. 1812; Übersetzung aus dem Französischen: M. Th. Wacker).

Wieder war der Fall eingetreten, dass ein Kind gestorben war. Die jüdische Gemeinde, die im Jahr 1812 zweiundzwanzig Mitglieder besaß, bestand anfangs wohl v.a. aus eher jüngeren Männern und Ehepaaren, so dass die ersten Toten der Gemeinde in der Tat keine alten Menschen waren, sondern Kinder. Nathan Metz erinnert an die auf der napoleonischen Gesetzgebung gründende neue Gleichberechtigung der Religionen, einen Grundsatz, den er bei dem aus Frankreich stammenden Präfekten in guten Händen sehen möchte.

 

Der Friedhof wird genehmigt

 

Noch am gleichen Tag erhielt der Münsteraner Bürgermeister von Boeselager ein Schreiben des Präfekten:

„Monsieur,
die jüdische Gemeinde dieser Stadt bittet mich, ihr einen Friedhof zu bezeichnen, getrennt von den anderen, die vor einigen Jahren für die Katholiken eingerichtet wurden. Da diese Bitte dem kaiserlichen Dekret vom 23. Prairial des Jahres XII konform ist, leite ich Ihnen die Petition weiter und lade Sie ein, entsprechend der Bitte zu bescheiden, vorausgesetzt die Bestimmungen des Art. 2, die besagen, dass die Gelände, die speziell für die Beerdigung von Toten gedacht sind, 35-40 Meter von den Städten entfernt sein müssen, werden eingehalten. Da in der jüdischen Gemeinde gegenwärtig ein Kind verstorben ist, das auf diesem neuen Friedhof bestattet werden soll, ziehen Sie diese Angelegenheit doch bitte vor, und, wenn Sie mir die Petition zurückschicken, berichten Sie mir von den Vorkehrungen, die sie getroffen haben.“ (Staatsarchiv Münster, Regierung Münster Nr. 17163, Schreiben vom 1. 6. 1812; Übersetzung aus dem Französischen: M. Th. Wacker).

Art. 15 des genannten kaiserl. Dekrets (das angegebene Datum des Revolutionskalenders entspricht dem 12. Juni 1804) hält fest, dass in den Gemeinden, in denen man mehrere Kultgemeinschaften schützt, jede Kultgemeinschaft einen eigenen Beerdigungsort haben muss. Im Fall, dass es nur einen einzigen Friedhof gebe, solle man ihn durch Mauern, Hecken oder Gräben in so viele Teile aufteilen wie es verschiedene Kultgemeinschaften gibt, mit einem eigenen Eingang für jede von ihnen. Du Saillant dürfte gewusst haben, dass es vor den Toren Münsters mehrere christliche Friedhöfe gab, so dass es ihm recht und billig erschien, wenn auch die jüdische Gemeinde einen eigenen Friedhof erhielt.

Von Boeselager reagierte ebenso umgehend wie umsichtig:

„In Ausführung Ihres Schreibens von heute habe ich mich über die Lage der Örtlichkeit informiert, die die jüdische Gemeinde für ihren Friedhof ausgesucht hat. Da er um einiges mehr als 40 Meter von der Stadt entfernt ist und da ich nichts anderes sehe, das zu beachten wäre, habe ich ihr zugesichert, dass sie entsprechend Ihren Anweisungen das tote Kind des Herrn Lefmann begraben können.
Da die Örtlichkeit in der Gemeinde Nienberge liegt, habe ich den Herrn Bürgermeister dieser Gemeinde in Kenntnis gesetzt, der, um sicherzugehen, dass die Beerdigung als außergewöhnliche Angelegenheit in dieser Gegend auf keinen Fall gestört werde, den Konvoi begleiten wird.“ (Staatsarchiv Münster, Regierung Münster Nr. 17163, Schreiben vom 1. 6. 1812; Übersetzung aus dem Französischen: M. Th. Wacker).

Dass sich von Boeselager über die Lage des avisierten jüdischen Friedhofs erst informieren musste, könnte darauf hinweisen, dass der Vorgang beim Wechsel im Bürgermeisteramt in Vergessenheit geraten war.

Innerhalb nur eines Tages kann nun unter dem neuen Präfekten zugunsten der jüdischen Gemeinde geregelt werden, was unter dem alten über mehr als ein Jahr hinweg nicht gelang. De facto stand demnach zwar schon Mitte des Jahres 1811 fest, welches Grundstück der jüdischen Gemeinde zur Verfügung gestellt werden sollte, die eigentliche amtliche Zuweisung, die die Möglichkeit erschloss, dort Bestattungen durchzuführen, erfolgte aber offenbar erst Mitte 1812. Wenn Jahrzehnte später der Vorstand der Synagogengemeinde Münster in seinem Antrag vom 11. August 1886 um Erlaubnis zur Erweiterung des Friedhofes davon spricht, dieser sei seit 1811 benutzt, ist wohl vor allem das Einverständnis mit dem Bürgermeister sowie die Ablösungszahlung an Lutterbeck in Erinnerung geblieben, nicht aber die verzögerte Genehmigung des Präfekten.

 

Die weitere Geschichte des Friedhofs

 

Für die weitere Geschichte des Friedhofs stellen Rita Schlautmann-Overmeyer und Gisela Möllenhoff im Historischen Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe, Bd. 1, Münster 2008, S. 508f folgende Daten zusammen:
„1865 bat der Gemeindevorstand den Magistrat, ihm den Platz ‚auf ewige Zeiten‘ abzutreten und das angrenzende Grundstück käuflich erwerben zu dürfen. 1887 erstand die Synagogengemeinde vom bischöflichen Generalvikariat ein Grundstück nach Westen hin. Eine Einfriedung des ca. 1250 m2 großen Friedhofs mit einer Mauer erfolgte zu Beginn der 1890er Jahre. 1903 bemühte sich die Gemeinde um eine weitere Vergrößerung, der die Landesbehörde zustimmte.“
„Im Januar 1936 wurden laut Gestapobericht auf dem münsterischen Begräbnisplatz ‚eine Reihe von Grabsteinen‘ umgeworfen. Während des Zweiten Weltkrieges zerstörte eine Bombe einen Teil des Friedhofes. In der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft wurden zwecks Einschmelzung für die Rüstungsindustrie zahlreiche metallene Grabumrandungen entfernt. Am 10. Juli 1944 forderte das ‚Reichsinstitut für die Geschichte des neuen Deutschlands‘ vom Stadtarchiv Münster eine Bestandsaufnahme des Friedhofs, da der ‚Weiterbestand der Judenfriedhöfe‘ fraglich sei. Offensichtlich war an eine Enteignung oder Veräußerung gedacht. Erwähnt wird ein Kaufangebot vom 15. Mai 1944, doch: „die Flurgrundstücke und die Grabdenkmäler dürfen nur zu einem dem vollen Wert entsprechenden Preis verkauft werden“. Der Friedhof war laut Grundbuch 1945 noch Eigentum der Synagogengemeinde Münster.“

Für die jüngere Zeit ist zu ergänzen:
Im Oktober 1962 kaufte die jüdische Gemeinde noch einmal ein Grundstück hinzu, das in nördlicher Richtung hinter der 1928 errichteten Trauerhalle lag und zum Grundbesitz der Oberfinanzdirektion Münster gehörte. 1991 wurde der Mittelstreifen des Friedhofs, der v.a. als Weg genutzt wurde und bis dahin im Besitz des Bischöfl. Priesterseminars war, durch einen Schenkungsvertrag der jüdischen Gemeinde übergeben. Wenige Jahre später (1994) kann die jüdische Kultusgemeinde einen schmalen Streifen des westlich angrenzenden Kasernengeländes hinzuerwerben. Im Kaufvertrag hält die Bundeswehrverwaltung fest, dass eine weitere Ausdehnung nach Westen nicht mehr möglich sei, solange das Gelände weiterhin militärisch oder zu anderen Verwaltungszwecken des Bundes genutzt werde.
Nachdem die Gemeinde durch den Zuzug von jüdischen Familien aus der ehemaligen Sowjetunion ab den 1990er Jahren stark anwuchs, war absehbar, dass bald weitere Begräbnisflächen benötigt würden. Im Jahre 2002 stellte die Stadt einen vom christlichen Teil abgetrennten Begräbnisplatz auf dem städtischen Friedhof ‚Hohe Ward‘ in Hiltrup zur Verfügung. Der Friedhof an der Einsteinstraße wird seitdem nur noch von Gemeindemitgliedern, die dort bereits eine Grabstätte besitzen, genutzt.

 

Literatur/Veröffentlichungen:

 

Zum mittelalterlichen jüdischen Friedhof in Münster:

Karl-Heinz Kirchhoff, Zur Lagebestimmung des mittelalterlichen Judenfriedhofs in Münster, in: Helmut Lahrkamp (Hrsg.), Beiträge zur Stadtgeschichte (Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Münster, N.F. 11), Münster 1984, S. 235-244

Bernhard Brilling / Helmut Richtering / Diethard Aschoff, Westfalia Iudaica. Quellen und Regesten zur Geschichte der Juden in Westfalen und Lippe, Bd. 1: 1005-1350, Münster 21992, hier S. 69 (Grabstein von 1302); S. 77 (Fragment von 1312/3); S. 89 (erhaltener Grabstein von 1324); S. 107f (Grabstein von 1335); S. 116 (Stein von 1338); S. 273f (Stein ohne Datum)

Diethard Aschoff, Die Juden in der ständischen Gesellschaft, in: Franz-Josef Jacobi (Hrsg.), Geschichte der Stadt Münster, Bd. 1, Münster 31994, S. 575-593, erwähnt S. 577 den mittelalterlichen Friedhof im Rahmen eines Abrisses der jüdischen Geschichte Münsters von den Anfängen bis 1810

Gisela Möllenhoff / Rita Schlautmann-Overmeyer, Art. „Münster“, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe, Bd. 2, Münster 2008, S. 487-513; hier S. 508f

Zum Friedhof an der Einsteinstraße

Eine ausführliche bzw. umfassende Gesamtdarstellung zum Friedhof an der Einsteinstraße liegt bisher noch nicht vor.

Vgl. aber:

Gisela Möllenhoff / Rita Schlautmann-Overmeyer, Art. „Münster“, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe, Bd. 2, Münster 2008, S. 487-513, hier S. 509: die Autorinnen bieten einen knappen chronologischen Abriss des Erwerbs und der mehrfachen Erweiterungen des Friedhofsgeländes an der Einsteinstraße und eine generelle Einbettung der Grabsteine in die jüdische Bestattungskultur des 19. und beginnenden 20. Jh.s

Sharon Fehr (Hrsg.), Erinnerung und Neubeginn. Die jüdische Gemeinde Münster nach 1945. Ein Selbstporträt, Münster 2013, bes. S. 205-211 zu den jüdischen Friedhöfen Münsters (mittelalterlicher Friedhof, Friedhof Einsteinstraße, Begräbnisplatz unterhalb des christlichen Friedhofs Münster-Hiltrup seit 2002)

Benutzte Akten:

Stadtarchiv Münster, Stadtregistratur, Fach 36,1-8 (für die Jahre 1810-1812)

Staatsarchiv Münster, Regierung Münster Nr. 17163 (für die Jahre 1810-1812)

Grundbuchamt der Stadt Münster (für die Zeit nach 1945)

 

(zusammengestellt von Marie-Theres Wacker)