Friedhöfe – Spiegel jüdischen Lebens

Festvortrag zum Festakt anlässlich des Go-Live der Internetseite www.juedischer-friedhof-muenster in der Jüdischen Gemeinde Münster am 24.03.2015, 19:00 Uhr

 

Dr. Gil Frowald Hüttenmeister

Dr. Gil Frowald Hüttenmeister

(Dr. Frowald Gil Hüttenmeister, Stuttgart)

 

„Zehn Dinge sind dem Studium abträglich:“ So zum Beispiel: „wenn man unter einem Kamel oder zwischen zwei Kamelen durchgeht; wenn man zwischen zwei Frauen durchgeht; wenn man unter einer Brücke durchgeht; wenn man Wasser trinkt aus einem Bach, der durch einen Friedhof fließt; wenn man in das Gesicht eines Toten schaut. Und manche sagen, auch wenn man die Inschriften auf den Gräbern liest.“ So heißt es im babylonischen Talmud (bHorajot 13b). Warum also befassen wir uns mit der Dokumentation jüdischer Friedhöfe?

 Bildet sich an einem Ort eine jüdische Gemeinde, so kümmert man sich zunächst um einen Begräbnisplatz. Ein Todesfall kann jederzeit eintreten, da ist alles andere zweitrangig. Manchmal kann man auf einem Grabstein lesen: „„mazeva rischona“ – „Erster Grabstein“, so z.B. auf dem Friedhof in Fürth oder in Schwäbisch-Hall. Bis zur bürgerlichen Gleichstellung durften die Juden keinen Grundbesitz erwerben und mussten ein Gelände pachten. Das war nicht immer einfach. Ein Platz um die Synagoge kam aus halachischen/religionsgesetzlichen Gründen nicht infrage, weil die in biblische Zeit zurückgehenden Reinheitsvorschriften dies nicht zuließen, denn wer einen Friedhof betritt oder mit einem Toten im selben Raum ist, wird unrein. Außerdem war die Pacht bzw. später der Grunderwerb für das Friedhofgelände nicht selten durch Schikanen und überhöhte Preise seitens der Obrigkeit eingeschränkt. So hat sich z.B. der Ankauf und die Erweiterung des bestehenden Friedhofs der Tübinger Juden im Nachbarort Wankheim fünf Jahre lang hingezogen, und selbst das Königliche Oberamt hatte vergeblich versucht, den Ortsvorsteher von seinem weit überteuerten Preis abzubringen. „Die Juden können ihre Toten doch auf dem christlichen Friedhof begraben,“ argumentierte der Ortsvorsteher, wohl wissend, dass das nach jüdischem Gesetz vollkommen unmöglich ist. Je weiter der von der Obrigkeit vorgeschlagene Platz vom Ort entfernt lag, oft ein landwirtschaftlich nicht nutzbares Gelände, umso billiger war dann auch die Pacht bzw. später der Kaufpreis.

Die Anlage der Gräber folgt der Gebetsrichtung. Deswegen wird der Tote mit den Füßen in Richtung auf Jerusalem, d.h. nach Osten, bestattet. Der Grabstein kann am Kopf- oder um Fußende stehen. In der Regel wird chronologisch begraben, an manchen Orten und zu gewissen Zeiten wurden Männer und Frauen getrennt begraben. Auch Frauen, die im Kindbett gestorben sind, können ein eigenes Gräberfeld bekommen.. Bei diesen handelt es sich um Ehrengräber, weil die Frauen bei der Ausübung des ersten in der Bibel stehenden Gebotes gestorben sind: „Seid fruchtbar und mehret euch!“ heißt es im Schöpfungsbericht (Gen 1,28). Etwa seit Beginn des 20. Jahrhunderts konnte neben dem Verstorbenen der Platz für den Ehepartner freigehalten werden. Wiederholt finden wir Grabsteine aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die nur zur Hälfte beschrieben sind – ein Zeichen dafür, daß der Ehepartner, wenn er Glück hatte, im Dritten Reich noch hatte auswandern können oder aber ermordet worden ist. Auf größeren Friedhöfen kann es eigene Gräberfelder außerdem für Rabbiner und Gemeindevorsteher geben. Auch Kohanim können ein eigenes Gräberfeld haben, oft direkt an der Friedhofsmauer. Die Priester, Kohanim, im Singular Kohen, sind nicht mit einem christlichen Priester zu vergleichen, sie sind keine Prediger, Seelsorger oder Sakramentenspender. Sie hatten im Tempel die Aufgabe, den Opferdienst durchzuführen. Deswegen unterlagen sie auch strengeren Reinheitsvorschriften, die viele orthodoxe Nachkommen auch heute beachten. Ferner haben oft Kinder ein eigenes Gräberfeld. Der Grund ist ein ganz pragmatischer: Kinder benötigen weniger Platz, denn ein Grab darf weder aufgelassen noch wiederbelegt werden, es ist Eigentum des Toten bis zur Auferstehung.

Nach den halachischen – religionsgesetzlichen – Vorschriften dürfen in derselben Grabstelle nur solche Personen begraben werden, die zu Lebzeiten ein Bett teilen. Dazu gehören z.B. Ehepartner oder kleine Geschwister. Nebeneinander aber soll man nicht zwei Leute begraben, die im Leben verfeindet waren, auch nicht einen Gerechten neben einem Frevler. In einem Memorbuch – „Gedächtnisbuch“, in dem Name und Todesdatum festgehalten werden und oft auch die Grabinschrift teilweise aufgeführt wird, aus Königshoffen im Elsaß, – findet sich folgender Eintrag: „Am … verschied NN ben NN in schlechtem Namen, und er wurde auf einer abseits gelegenen Reihe begraben.“ Leider konnte der Grabstein nicht gefunden werden; es wäre interessant zu wissen, wie die Inschrift gelautet hat. Üblicherweise sterben die Menschen nämlich „in gutem Namen“, und das fand ich sogar auf dem Grabstein eines zwei Monate alten Babys.

Es ist Brauch, beim Besuch einen kleinen Stein auf den Grabstein zu legen. Der Ursprung dieses Brauches liegt im Dunkeln. Aber es gibt Hinweise in der Antike: Gräber im Freien wurden mit Steinen belegt, damit Tiere sie nicht aufscharren konnten. Im Neuen Testament haben wir einen Hinweis darauf, dass die Grabsteine weiß getüncht wurden (Matthäus 23,27). Und bei Lukas (11,44) heißt es: „Weh euch! Denn ihr seid wie nicht bezeichnete Gräber, über die die Leute laufen und es nicht wissen.“ Wegen der Aufstände gegen die römische Besatzung zur Zeit des Zweiten Tempels fand man immer wieder Erschlagene, die dann an Ort und Stelle begraben wurden. Solche Gräber wurden mit einem großen Stein am Kopfende und einem am Fußende gekennzeichnet. Solange der Tempel bestand, waren alle männlichen Juden ab einem Alter von 13 Jahren verpflichtet, zum Pessachfest nach Jerusalem zu pilgern und dort das Fest „in Reinheit“ zu begehen. Wer auf dem Wege mit einem Toten in Berührung gekommen war, war unrein und durfte nicht am Fest teilnehmen (Exodus 9,1-11). Deswegen wurden einen Monat vor dem Pessachfest Abgesandte des Synhedrion, der höchsten jüdischen Gerichtsinstanz, losgeschickt, um diese Steine weiß zu tünchen, damit die Pilger nicht durch versehentliches Betreten eines solchen Grabes unrein wurden. Wieweit dies mit zu dem Brauch, Steinchen auf Grabsteine zu legen, beigetragen hat, wissen wir nicht. Schön ist übrigens der Spruch: „Lieber Blumen im Leben und Steine aufs Grab, als Steine im Leben und Blumen aufs Grab.“

Die Grabinschriften

 

Die hebräischen Grabinschriften beginnen in der Regel mit den beiden Buchstaben Pe und Nun oder Pe und Tet. Diese bedeuten: „Hier liegt begraben“ bzw. „Hier ist verborgen“. Es folgt die Angabe, ob es sich um ein Kind, eine „Jungfrau“, einen Junggesellen, einen Mann, eine Frau oder eine Witwe handelt. Der Begriff „Jungfrau“ bezeichnet eine unverheiratete Frau, unabhängig von ihrem Alter, und entspricht dem früher im Deutschen üblichen „Fräulein“. Aus der Bezeichnung „Mann“ oder „Frau“ ist nicht ersichtlich, ob die Person verheiratet war. Daran schließt sich der Name an, wobei in der Regel bei Unverheirateten der Name des Vaters, bei verheirateten Frauen der Name des Vaters und/oder der Name des Ehegatten folgt. Steht stattdessen nur der Name der Mutter, kann es sich um ein uneheliches Kind handeln. Es folgt die Erwähnung der guten Eigenschaften des bzw. der Verstorbenen, die oft der Bibel entnommen sind. Dann kommt das Sterbedatum und häufig auch das Begräbnisdatum. Das Geburtsdatum wird im Hebräischen nur selten auf dem Grabstein angegeben. Den Schluss fast aller Inschriften bildet ein aus I Samuel 25,29 leicht abgewandelter Segensspruch: „Ihre bzw. seine Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens!“ Übrigens hat das hebräische Wort für Bündel (zror) eine zweite Bedeutung, nämlich Kieselstein, beide Bedeutungen sind bereits biblisch. Ob da eine Verbindung zum Brauch, Steinchen auf den Grabstein zu legen, besteht, bleibt dahingestellt.

Die Grabinschriften sind seit dem Mittelalter zunächst rein hebräisch. Mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts finden sich, zunächst nur vereinzelt, deutsche Inschriften, was auf der zunehmenden Liberalisierung und Assimilierung beruht. Zunächst stehen nur der bürgerliche Name sowie die Lebensdaten nach dem bürgerlichen Kalender auf der Rückseite des Grabsteines, dann wandern diese Angaben unter die hebräische Inschrift auf der Vorderseite und verdrängen dann langsam das Hebräische fast ganz, so dass ab dem 20. Jahrhundert oft nur die erste, abgekürzte Zeile („Hier liegt begraben)“ sowie der Schlusssegen („Ihre/Seine Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens!“) hebräisch bleiben. In großen Städten setzt dieser Trend früher ein.

Der Steinmetzberuf konnte bis zur bürgerlichen Gleichstellung der Juden im 19. Jahrhundert nur über die Zünfte erlernt werden, und diese nahmen keine Nichtchristen auf. Und als der Zunftzwang fiel, gab es bei den Juden keine Tradition in diesem Beruf, und außerdem konnte man von diesem Beruf allenfalls in großen Städten leben. So waren die Juden auf christliche Steinmetzen angewiesen, die naturgemäß kein Hebräisch konnten. Das ist der Grund für die zahlreichen Verwechslungen ähnlicher hebräischer Buchstaben, vor deren Verwechslung bereits im Talmud gewarnt wird (bSchab 103b). Manchmal arbeitete der Steinmetz von links nach rechts, obwohl das Hebräische von rechts nach links geschrieben wird. Wenn das erste hebräische Wort seiner Vorlage nicht mehr in die Reihe passte, schrieb er es nach seinem Verständnis an den Anfang der zweiten Zeile, das bedeutet, dass das erste hebräische Wort an das Ende der zweiten Zeile zu stehen kommt. Je länger die Inschrift ist, umso größer wird das Chaos.

Da der Platz auf dem Grabstein naturgemäß begrenzt ist, man aber möglichst viel in der Inschrift aussagen möchte, bedient man sich der Abkürzungen. Dabei kann ein Wort am Ende einer Zeile abgekürzt werden, wenn es nicht mehr in die Zeile passt, oder es steht bei längeren Texten immer nur der Anfangsbuchstabe jeden Wortes. Die Auflösung ist dann oft nur mit viel Erfahrung, Geduld und einer Portion Glück möglich. Auf einem Grabstein aus Buchen-Bödigheim aus dem Jahr 1818 sind von 70 Wörtern 63 abgekürzt!

Die Inhalte der Texte

 

Ich erwähnte zu Beginn das Talmudzitat, dass das Lesen von Grabsteintexten dem Lernen abträglich ist. Leider wird das nicht weiter ausgeführt, und auch die späteren Kommentare gehen nicht darauf ein. Der Grund könnte sein, dass nach dem Grundsatz „de mortuis nihil nisi bene“ nur Gutes über den Toten gesagt werden soll. Danach hat man sich auch schon in der Antike gerichtet, wie ein alter Midrasch beweist. Es heißt dort (Evel rabbati 3,6): „Rabbi Jehuda sagt: In Jerusalem pflegte man zu sagen: Übe Taten aus, die man vor deiner Bahre rühmen kann; in Judäa: Übe Taten aus, die man hinter deiner Bahre rühmen kann. Denn in Jerusalem pflegte man dem Toten nur Taten nachzurühmen, die er wirklich besessen, in Judäa dagegen vor der Bahre solche, die er besessen, als auch solche, die er nicht besessen, und nur hinter der Bahre Tugenden, die er wirklich besessen hatte.“ Und in einem anderen alten Traktat über Trauerbräuche heißt es außerdem (Semachot 3,6): „Ein Kind, das weiß, was es tut – das lobt man wegen eigener Taten; hat es keine eigenen guten Taten aufzuweisen, lobt man die guten Taten seines Vaters oder seiner Verwandten.“

Auf einem antiken jüdischen Grabstein mit griechischer Inschrift aus Akmonia in Phrygien aus dem Jahr 243/244 steht folgender Text: „Tiberius Flavius Alexandros hat dieses Grabmal zu seinen Lebzeiten für sich und seine Gattin Gaiana zur Erinnerung gemacht. Er war Ratsmitglied, Archont, hat untadelig gelebt und niemanden betrübt.“ Ob Tiberius nur den Grabstein oder auch die Inschrift zu seinen Lebzeiten gemacht hat, ist nicht klar. Auf jeden Fall zeigt auch sie die Tendenz, nur Gutes zu berichten. Jona Jeiteles (1735-1806) wird kaum stark übertrieben haben, wenn er reimt:

„Mit deinem Tode nimmt die Zahl
Der Neider und Verleumder ab,
Doch mehret sich dafür, o Qual!
Das Lügenlob an deinem Grab.“

Männer werden gerne mit den guten Eigenschaften biblischer Personen bedacht. Vorbild ist oft Hiob, der im Buch Hiob 1,1 als „redlich und rechtschaffen, gottesfürchtig“ beschrieben wird. Andere gute Charaktereigenschaften sind: gerecht und vollkommen (Genesis 6,9 von Noah), geachtet, ehrenwert, bescheiden, klug, edel, erhaben, zuverlässig. Männer „wandeln auf dem Weg der Guten“ und „fürchten Gott all ihre Tage“. Typische Kindergrabinschriften sind: „Ein Knabe, zart und jung an Tagen, Wonne unseres Herzens“, oder: „Ein liebliches Kind, liebenswert und angenehm“; „Du hast nur einmal uns betrübt, als du starbst.“

Eine besonders interessante Inschrift befindet sich auf einem Grabstein in Frankfurt/M aus dem Jahr 1781. Sie lautet: „Es ist der Märtyrer, der ehrenwerte Gumpel … Er wurde ermordet durch einen Mörder und zerstückelt … seine beiden Beine bis zum Rumpf am Mittwoch, am 2. Tag des Neumonds Elul (= 1.Elul) 541 nach der kleinen Zählung. Und sein Leib wurde begraben am Vorabend des Heiligen Schabbat, 3. Elul, und sein Kopf, seine Hände und seine Füße am Donnerstag, den 9. Elul“, also acht Tage später. Den Grund wissen wir nicht, aber wahrscheinlich hat man die fehlenden Körperteile erst später gefunden. Warum wird das so pedantuisch beschrieben? Uns mutet diese Inschrift recht grausam an. Aber vielleicht ist es ein Hinweis für die Dienstengel am Jüngsten Tag, daß alle Körperteile vorhanden sind und sie sie nur noch richtig zusammensetzen müssen, damit der Tote unversehrt in den Himmel kommt.

Bei Frauen wird vor allem aus dem Lob der tüchtigen Frau in den alphabetisch angeordneten Versen im Buch der Sprüche Salomos (Spr 31,10-31) zitiert. Der Beginn dieses Lobpreises, „eine tüchtige Frau“, findet sich auf sehr vielen Frauengräbern. Weitere gute Eigenschaften sind züchtig, fromm, teuer, gottesfürchtig, gepriesen, wohltätig, liebenswert, vollkommen in ihren Taten, angenehm. Die Erziehung der Kinder ist vorwiegend Aufgabe der Mutter. Verheiratete Frauen werden immer wieder als „Krone (oder Zierde) ihres Mannes und ihrer Kinder“ bezeichnet. Nur zweimal habe ich dagegen auf einem Männergrab gefunden: „Krone seiner Gattin.“

Neben den immer wiederkehrenden Wendungen gibt es nur relativ selten persönliche Angaben. Meist beziehen sie sich auf die Stellung des Verstorbenen innerhalb der Gemeinde. So wird die leitende Funktion als Gemeindevorsteher, Rabbiner, Schächter, Beschneider, Lehrer usw. in aller Regel hervorgehoben, daneben der Vorsitz oder die Mitgliedschaft in einem der zahlreichen Synagogenvereine, wie Wohltätigkeitsverein oder Chevra Kaddischa. In jeder jüdischen Gemeinde gibt es eine solche Chevra Kaddischa, eine Heilige Bruderschaft, deren Mitglieder einen Sterbenden begleiten und die sich nach Eintritt des Todes um alles, was mit dem Begräbnis zusammenhängt, kümmern. Auf diese Weise sollen die Angehörigen entlastet werden. In einer hebräischen Inschrift aus dem Jahr 1837 auf dem Friedhof in Rexingen heißt es: „Jetzt kann man das alte Sprichwort sagen: Wer eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“, ein Zitat aus Spr 26,27. Es ist das Grab des Totengräbers. Wir lachen heute darüber, aber es war ein Zeichen von Volksfrömmigkeit: Man hatte einen Bibelvers gefunden, der zum Tod des Totengräbers genau passte, wenn auch der ursprüngliche Sinn des Verses der Situation angepasst werden musste.

Die Inschriften können kleine, literarische Meisterwerke sein mit Zitaten aus der Bibel, der rabbinischen Literatur und den Pijutim, der religiösen Poesie. Doch der Sinn mancher Inschriften lässt sich manchmal nur erschließen, wenn man den Text Wort für Wort ins Deutsche zurückübersetzt.

Auch aus den Familiennamen kann man einiges lernen. Diese lassen sich in mehrere Rubriken einteilen. Häufig sind Vornamen zum Familiennamen geworden wie Hirsch, Löb, Maier, Wolf oder Abramson, Meierson (Golda Meir!) u.ä. Ich erinnere an Namen wie Andreae, Jacobi, Karlsson usw. Dann gibt es Herkunftsnamen wie Frankfurter, Landauer, Oppenheimer, Berliner, Österreicher u.ä., wobei der Ortsname nicht unbedingt auch den Herkunftsort bezeichnet, denn manche Juden wählten den Namen einer berühmten Gemeinde. Der gute, alte deutsche Name Falk wurde von Juden aus Polen gewählt, die sich in Deutschland niederließen. Nach der jiddischen Schreibweise wird Pollak genauso geschrieben wie Falk. Das gilt auch für den rein niederländisch klingenden Namen van Voolen, was nichts anderes ist als „von Polen“. Und manche Kohanim wählten den Namen Schiff: Kohen/Kohn/Kahn – ein Kahn ist ein Schiff. Auch Katz ist ein Kohen, es ist entstanden aus der Abkürzung „k‘‘z“ – „kohen zedek“ – „Priester der Gerechtigkeit“. Im Elsass fand ich die Namen Half und Wixler; es handelt sich um dieselbe Familie: Wixler = Wechsler, und Half ist das hebräische Chalaf = Wechsler. Vor Einführung von Straßennamen und Hausnummern waren in der Gegend um Frankfurt an den Häusern Schilder zwecks Identifizierung angebracht. Am bekanntesten ist wohl der darauf beruhende Name Rothschild. Dann gibt es Berufsnamen wie Schächter, Schatz, Doktor u.ä., ferner die „schönen Namen“ wie Silber, Gold, Schönberg usw. Manche Familien hatten bereits einen Familiennamen, als zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Annahme eines Familiennamens gesetzlich vorgeschrieben wurde. Wenn nun ein Jude nicht willens oder nicht in der Lage war, sich bei einem antisemitischen Beamten einen schönen Namen zu erkaufen, vergab dieser Namen wie Muttermund, Biegeleisen, Schulhof, Veilchenduft usw.

Beliebt sind deutsche Vierzeiler. Im Jahr 1848 erschien in Prag und Leitmeritz ein Buch mit dem Titel: „Wiedersehen! Eine Sammlung von 424 auserlesenen, zum Gebrauche besonders geeigneten Grabschriften.“ Der Verfasser wird nicht genannt, doch war er Christ, wie aus einigen wenigen Inschriften hervorgeht. Die große Mehrzahl aber ist neutral. Interessant ist der Besitzerstempel in meinem Exemplar: „Widmung an die isr. theol. Lehranstalt in Wien aus dem Nachlasse des seel. Kreisrabbiners Moses Schiffmann in Prag.“

Ich bringe einige Beispiele, die ich auf Gräbern gefunden habe:

Ach Gott! Zur Futterschneid
maschin
Führt Schicksal unsern
Liebling hin.
Schnell schnitt sie ihm ein
Füßchen ab;
Dies brachte ihn so jung
ins Grab.
(Haigerloch 172)

Weil um Engel große Not,
Ließ der liebe Gott sie rufen,
Durch den lichten Boten Tod. (Hroznetin)

Allein wollt sie nicht sein hienieden,
drum eilt zum Gatten sie in Frieden.

Die Wendung „Friede seiner/ihrer Asche!“, meist abgekürzt „F.s.A./F.i.A.“, findet sich oft am Ende der deutschen Inschrift. Es handelt sich dabei nicht um eine Feuerbestattung, die es bei den Juden in großen Städten seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, auf den Dörfern aber erst später, gegeben hat. Die Feuerbestattung wurde von der Orthodoxie scharf kritisiert, von assimilierten Juden dagegen akzeptiert. Die hebräischen Wörter für Staub und Asche, „afar“ und „efer“, werden in aller Regel zusammen zitiert. Sie weisen auf den Bibelvers Genesis 3,19: „Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Erdboden, von dem du genommen bist. Denn Staub bist du, und zum Staub kehrst du zurück.“ Und in Genesis 18,27 sagt Abraham: „Ich bin doch nur Staub (afar) und Asche (efer).“ So konnte man diesen auf christlichen Grabsteinen häufigen Spruch problemlos übernehmen.

Manchmal kommt es zu unfreiwilliger Komik, so auf einem Grabstein in Hamburg-Harburg: „Hier ruht die Geliebte ihres Gatten.“ Gemeint ist natürlich die Ehefrau.

Kuppenheim: „Gewidmet von ihrem unvergesslichen Gatten.“

Oft heißt es vor dem Schlussegen: „Als Lohn dafür (sc. sein gutes Leben) sei seine Seele eingebunden in das Bündel des Lebens.“ Wenn man aber nicht aufpasst oder das Hebräische nicht versteht, heißt es dann auf dem Grabstein: „Der Gute, Fromme usw. usw. Als Lohn dafür starb er“ usw. Auf einem anderen Grabstein ist die Rede von einer Jungfrau, die zum Leidwesen ihrer Kinder starb.

Abgesehen von den Fehlern in den Inschriften, die durch die Unkenntnis des Hebräischen durch die christlichen Steinmetzen entstanden, war auch die Ausführung der Grabsteine und die Anwendung von Ornamenten und Symbolen nicht immer problemlos.

Auf vielen jüdischen Grabsteinen gibt es Symbole und Ornamente. Die Symbole lassen sich einteilen in rein jüdische Symbole, Symbole, welche auf den Namen oder den Beruf der Verstorbenen hinweisen, und allgemeine Symbole für Tod und Auferstehung. Zu den rein jüdischen Symbolen gehören die segnenden Hände der Kohanim. Sie haben heute im Gottesdienst einige Ehrenfunktionen und erteilen der Gemeinde mit erhobenen Händen einen Segen, bei denen die Finger in einer bestimmten Weise gespreizt werden. Dabei sprechen sie den Priestersegen Numeri 6,24-26: „Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht zu dir und gebe dir Frieden.“ Die segnenden Hände wurden zum Symbol für die Kohanim. Die Leviten waren im Tempel zuständig für die äußere Ordnung, die Tempelmusik und die kultische Reinheit. Sie waschen den Kohanim vor Erteilung des Priestersegens beim Gottesdienst die Hände. So wurde die Kanne zum Symbol für die Leviten. Das Schofar – Widderhorn – kann das Ehrenamt eines Schofarbläsers symbolisieren oder ein Zeichen für die Auferstehung von den Toten sein, die mit dem Blasen des Schofars eingeleitet werden wird. Die Seele symbolisiert der Schmetterling, den wir schon auf antiken, auch nichtjüdischen, Grabsteinen finden. Interessant ist, dass das hebräische Wort „nefesch“ sowohl Seele als auch Grabmal bedeutet und das griechische Wort „psyché“ neben Seele auch Schmetterling bedeutet. Der Magen David – Davidstern/Davidschild (das Wort „Magen“ wird dabei auf der letzten Silbe betont!) – ist als Symbol für das Judentum jung. Auf Grabsteinen finden wir ihn nicht vor dem Ende des 19. Jahrhunderts. Vermehrt gibt es ihn in den ersten Jahren der Naziherrschaft. Nach dem 2.Weltkrieg ist er dann zum verbreitetsten Symbol auf jüdischen Gräbern geworden. Die Menora, der siebenarmige Leuchter, der im Altertum auf Grabsteinen und als Relief oder Mosaik in den antiken Synagogen so häufig ist, findet sich in Mitteleuropa kaum; dagegen ist er in Osteuropa sehr häufig. Ein aufgeschlagenes Buch, meist als Gebetbuch dargestellt, bezeichnet das Grab einer frommen Person. Ein Messer deutet auf einen Mohel, einen Beschneider hin, der den neugeborenen Knaben am achten Tag beschneidet (vgl. Genesis 17,10-14). Tiere können auf den Namen des Verstorbenen hinweisen: Ein Löwe symbolisiert den Namen Arie oder Jehuda – vgl. im Jakobssegen Gen 49,9, wo Jehuda mit einem jungen Löwen verglichen wird, Naftali wird mit einer „Hirsch“kuh verglichen (Gen 49,21) und Benjamin mit einem Wolf (Gen 49,27). Ein Herz kann für den Namen Herzl stehen, eine Rose für eine Frau mit Namen Rösle, ein Vogel für eine Frau mit Namen Vögle oder hebräisch Zippora usw.

Andere Abbildungen sind nicht religionsgebunden und finden sich auf christlichen wie auf jüdischen Grabsteinen. Dazu gehören Mohnkapseln, Symbol des tiefen Schlafes, manchmal mit jungen Trieben als Zeichen für die Auferstehung, ferner das Stundenglas, mit oder ohne Flügeln, die nach unten gehaltenen Fackeln als Zeichen der Trauer u.ä. Auf einem jüdischen Grabstein fand ich den deutschen Text: „Dein Engel hält die Fackel niederwärts.“ Eine abgebrochene Säule symbolisiert den Tod eines jung Verstorbenen.

Aber auch christliche Symbole finden sich manchmal auf jüdischen Grabsteinen, obwohl sie den jüdischen Religionsgesetzen widersprechen. Manchmal findet man in den zwanziger und dreißiger Jahren die in Deutschland üblichen Zeichen für „geboren“ (*) und „gestorben“ (). Das Kreuz als Symbol für das militärische Eiserne Kreuz kann man auf Grabsteinen oder Gedenksteinen für jüdische Gefallene des Ersten Weltkrieges finden. In Rexingen bei Tübingen gibt es vier identische Grabsteine, die zwischen 1912 und 1914 aufgestellt worden sind. Auf den ersten drei Grabsteinen ist unten links ein A und unten rechts ein Ω eingeschlagen. Dies geht auf die Offenbarung des Johannes zurück, der in Kapitel 1 Vers 8 schreibt: „Ich bin das Alpha und das Omega“ – gleich: Anfang und Ende – „spricht Gott, der Herr, der ist und der war und der kommt, der Herrscher über die ganze Schöpfung.“ Offensichtlich befand sich ein solcher Grabstein im Musterkatalog des Steinmetzen, nur dass statt des Kreuzes ein Magen David eingeschlagen wurde. Beim jüngsten Stein war es aber jemandem aufgefallen, dass dieser Ausspruch aus dem Neuen Testament ist und die beiden Buchstaben somit ein christliches Symbol sind. So ließ man statt dieser Buchstaben zwei Rosetten einschlagen. Ein ähnliches Beispiel finden wir auf dem jüdischen Friedhof in Affaltrach bei Heilbronn. Der Verstorbene hatte den Nachnamen Lämmle, und die Angehörigen des Verstorbenen wollten gerne ein Lamm auf dem Grabstein abgebildet haben. Der arme Steinmetz, der wohl noch nie ein Lamm abgebildet hatte, suchte nach einer Vorlage und fand sie in seinem Gebetbuch in Form eines Bildchens mit dem Osterlamm. Den Stab mit der Kreuzfahne ließ er fort, aber die angewinkelte Vorderpfote, die auf seiner Vorlage den Kreuzstab hielt, übernahm er.

Dokumentation

 

Dürfen, sollen, müssen wir Dokumentationen der Grabinschriften anlegen? Das ist eine Frage, die uns auch heute in Münster beschäftigt. Dazu möchte ich Ihnen einige Gedanken vortragen, die dafür und die dagegen sprechen und mit denen ich mich in den letzten 40 Jahren, die ich mit diesem Problem befasse, auseinandersetzen muss.

Was spricht dafür? Zunächst einmal: Warum schreiben wir überhaupt die Namen der Verstorbenen auf den Grabstein? Wie heißt es bei Jesaja 56,5: „Ich werde ihnen in meinem Hause und in meinen Mauern ein Denkmal errichten und einen Namen“ – auf Hebräisch: jad wa-schem – „… einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der unvertilgbar ist.“ Und nicht umsonst heißt die Gedenkstätte in Jerusalem nach diesem Jesajawort Jad wa-schem: Wir wollen und müssen uns der Verstorbenen erinnern, sie sollen nicht in Vergessenheit geraten.

Immer wieder wenden sich Juden aus der ganzen Welt an mich, die auf der Suche nach ihren Wurzeln sind. Geburts-, Familien- und Sterberegister gehen in der Regel kaum mehr als 200 Jahre zurück. Und diese Register sind in Mitteleuropa durch uns Deutsche teilweise vernichtet worden. Alle jüdischen Register waren vom Reichssippenamt eingesammelt und zwischen Oktober 1944 und Ende März 1945(!) Blatt für Blatt fotografiert worden. Die Originale sind verschollen und die Filme nur teilweise erhalten geblieben. So sind oft genug die Grabinschriften die einzige erhaltene Quelle. Manchem Ratsuchenden konnte ich aufgrund meiner Recherchen da weiterhelfen.

Oft haben sich mehrere Gemeinden zusammengetan und gemeinsam ein Friedhofsgelände gepachtet bzw. später angekauft. Vorwiegend auf solchen Verbandsfriedhöfen finden wir manchmal den Namen des Verstorbenen und den Herkunftsort auf Hebräisch auf der Rückseite des Grabsteins noch einmal aufgeführt. Das diente dazu, den Angehörigen, die das Grab besuchen wollten, beim Auffinden behilflich zu sein; so brauchten sie nicht mühsam den Namen in der oft langen Inschrift auf der Vorderseite suchen zu müssen.

Sicher spielt auch eine Rolle, dem Verstorbenen ein gutes Gedenken zu bewahren. Nach den Inschriften sterben ja nur gute Leute. Das ist bei anderen Kulturen und Religionen ja nicht anders. Ich habe vorhin den Grundsatz „de mortuis nihil nisi bene“ zitiert. Vielleicht soll dies aber auch ein Hinweis sein an die Dienstengel, die mal’ache ha-scharet, die beim Jüngsten Gericht Gott unterstützen: „Schau mal, lieber Gott, vielleicht sind die Eintragungen in Deinem Buch nicht richtig, auf dem Grabstein steht nämlich, dass er ein sehr guter und frommer Mensch gewesen ist! Lass ihn ins Paradies!“ Das erinnert mich an einen Freund aus der Jüdischen Gemeinde in Stuttgart, der mir eine von ihm entworfene Grabinschrift zeigte: „Der Gute, der Fromme usw. usw.“ Und dann sagte er: „Herr Hüttenmeister, das war ein Ekel!“

Ein weiterer Grund für uns heute ist vorwiegend historisch. Ein Friedhof ist ein Spiegel der Gemeinde. In einem Buch über den jüdischen Friedhof in Hegenheim steht: „Die Geschichte des (jüdischen) Friedhofes ist das Spiegelbild der Geschichte der zugehörigen Gemeinden. Den Anfängen seiner Anlage, dem Höhepunkt seines Betriebes und dem Rückgang seiner Inanspruchnahme entsprechen die Entstehung der sundgauischen Judengemeinden im 17., ihr Wachstum und ihre Blütezeit im 18. und der ersten Hälfte des 19., ihre Abnahme in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts.“ Diesem Zitat von A. Nordmann, Der israelitische Friedhof in Hegenheim in geschichtlicher Darstellung, Basel 1910, muss noch hinzugefügt werden: „… der Verfolgung durch den Nationalsozialismus und dem Neubeginn nach 1945.“ Wir können ihm ablesen, wie die Gemeinde gewachsen ist, wie religiös sie war, wie hoch die Kindersterblichkeit war, welche Vereine es gab; aber auch, wie die Beziehungen zur christlichen Umwelt waren – ich erinnere daran, dass die Steinmetze alle Christen waren, usw. usw. Ich bin darauf bei der Besprechung der Inschriften vorhin ja ausführlicher eingegangen. Und nicht zuletzt spielt die Gestaltung der Grabsteine eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Kunstgeschichte.

Und noch eine wichtige Frage: Warum machen wir Christen solche Dokumentationen? Dürfen wir das überhaupt? Dazu ist zunächst einmal zu sagen, dass die jüdische Geschichte auch ein ganz wesentlicher Teil der deutschen Geschichte ist – im Positiven wie im Negativen. Sie sind nicht voneinander zu trennen. Sollen wir das den Jüdischen Gemeinden überlassen? Bereits im 19. Jahrhundert und dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden solche Dokumentationen von jüdischer Seite durchgeführt. Ich erinnere nur an die große Dokumentation der 6000 Grabsteine des alten Friedhofs in Frankfurt am Main, die der Frankfurter Rabbiner Markus Horovitz (1844-1910) 1901 veröffentlich hat. Die heutigen Jüdischen Gemeinden sind aber oft genug nicht in der Lage, solche Dokumentationen durchzuführen. In den meisten Orten mit einem jüdischen Friedhof gibt es heute keine jüdische Gemeinde. Und die bestehenden oder im Aufbau befindlichen Gemeinden sind mit anderen Problemen mehr als ausgelastet. Hinzu kommt, dass die heutigen Gemeinden sich zum allergrößten Teil aus Juden zusammensetzen, die aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen sind hier auch keine Vorfahren – und somit auch keine direkten Beziehungen – nach hier haben.

Hin und wieder hört man Vorbehalte von jüdischer Seite, wenn sich Nichtjuden darum kümmern. Dazu ist zu sagen, dass solche Dokumentationen grundsätzlich nur mit Zustimmung der jüdischen Gemeinden durchgeführt werden (sollten). Ich habe zusammen mit Aktion Sühnezeichen – Friedensdienst viele Friedhöfe in Tschechien und Polen dokumentiert. Nach anfänglicher Skepsis und Zurückhaltung durch die nächstgelegenen jüdischen Gemeinden haben wir mit den meisten inzwischen sehr gute Kontakte bis hin zu eigenhändiger Mitarbeit. Ist eine solche Dokumentation abgeschlossen und das Niveau hoch, gibt es in aller Regel auch Lob von jüdischer Seite.

Ein weiteres Problem liegt darin, dass manchmal der gute Wille größer ist als die Hebräischkenntnisse, und das nicht nur bei Christen. Wenn jemand den Bibelvers von der eschet chail – der tüchtigen Frau – aus Spr 30,20: „Sie streckte dem Armen ihre Hand hin“ übersetzt mit „Sie entschwebte den Augen wie eine Fee“; oder: „Es weinen alle, die die Güte ihres guten Lebenswandels kennen“ übersetzt: „Es weint jeder, der kennt die Wohltätigkeit ihrer Mahlzeiten“; oder: „schwermütig und mit bitterer Seele“ übersetzt mit „Regenbogen des Geistes und eine Seele von Frau“; oder „Der in den Höhen wohnt (sc. Gott) wird ihm seinen Lohn zahlen“ übersetzt mit: „Der Wohnungsnachbar wird ihm seinen Lohn zahlen“, um nur vier Beispiele zu nennen, dann stellt sich die Frage, ob eine solche „Dokumentation“ nicht besser unterblieben wäre, denn eine verbesserte Neuauflage ist in aller Regel – schon aus finanziellen Gründen – nicht möglich.

Eines der größten Probleme ist die Beachtung der halachischen Vorschriften. Dazu gehört, dass am Schabbat ein jüdischer Friedhof nicht betreten werden darf, vor allem aber, dass die Totenruhe nicht gestört werden darf.

Diese letztere Vorschrift lässt sich unterschiedlich auslegen. Manchmal kommt es zu einem Interessenkonflikt. Der berechtigte Wunsch, die Gräber der Vorfahren zu finden, kann mit der Haltung der Orthodoxen, die die Vorschrift, die Totenruhe nicht zu stören, sehr streng nehmen, kollidieren, z.B. wenn es nötig ist, bei dieser Suche eingesunkene Grabsteine freizulegen. Übrigens sind sowohl bei der Dokumentation der Frankfurter Grabsteine als auch des sfardischen Friedhofs in Amsterdam die Grabsteine mit Zustimmung der jüdischen Stellen freigelegt worden. Ich entsinne mich an ein Gespräch mit einem zuständigen Vorsteher, den ich darum bat, mir die Erlaubnis zu geben, mit jungen Leuten von Aktion Sühnezeichen einige Grabsteine auf dem Friedhof für die Dokumentierung freizulegen. Seine Frage, ob ich die Arbeiten bereits durchgeführt hätte, musste ich verneinen. Darauf sagte er: „Schade! Wir hätten uns pflichtgemäß aufgeregt. Ich kann es Ihnen nicht erlauben – bitte keine Presse!“ Damit war für mich der Fall klar, und die Steine wurden freigelegt – ohne Bericht in der Presse. Bei einer anderen Aktion wurde ich vom Vorsitzenden der nächstgelegenen jüdischen Gemeinde dagegen ausdrücklich für die Freilegung von Grabsteinen gelobt.

Lassen Sie mich mit einem Witz schließen, der dieses Problem unübertrefflich beleuchtet: Da kommt Mosche aus Mea Schearim, dem orthodoxen Viertel von Jerusalem, nach New York, wo er seinen Vetter Jizchak besucht. „Du, Jizchak“, sagt er, „wir haben jetzt ein neues Computerprogramm: Wir geben die halachische Frage ein, und der Computer gibt mir die passende Antwort.“ Darauf meint Jizchak: „Vergiss es! Wir geben die Antwort ein, die wir haben wollen, und der Computer gibt mir die Adresse desjenigen Rabbiners, der mir diese Antwort gibt.“

Ich danke Ihnen!

 

Hier finden Sie

die Begrüßung von Sharon Fehr,
die Eröffnung von Prof. Dr. Marie-Theres Wacker.