L33 Wolff, Paul
 21.07.1898 - 27.01.1976

Paul Wolff
geb. 21.7.1898
gest. 27.1.1976

 

aus: Gisela Möllenhoff / Rita Schlautmann-Overmeyer, Jüdische Familien in Münster 1918 – 1945. Teil I Biographisches Lexikon, Münster  ²2001

S. 506-507
WOLFF
Paul
21.7.1898 Ascheberg - 27.1.1976 MS
E: Louis Wolff, Kaufmann, (4.11.1856 Ascheberg - 18.1. 1930 MS) u. Therese geb. Moy (14.4. 1863 Vreden - Ghetto Theresienstadt)
G: Fritz (ca. 1890/91 Ascheberg - vor 1908 Rheine); Erika ∞ Winter (15.4.1892 Ascheberg - 4.9.1953 USA); Rosa ∞ Herrmann (8.10./12.1895 Ascheberg -  Ghetto/KZ Riga)

Kaufmann. Die Familie Wolff war seit Generationen in Ascheberg ansässig. Paul W. kam als Neun­jähriger nach MS und war Schüler des Städt. Real­gymnasiums in MS, 1916 Kriegsfreiwilliger und vom 17.11.1916 bis zum 7.1.1919 an der Front. Er erhielt das EK II und das Verwundetenabzeichen, dazu am 17.11.1934 das ,Ehrenkreuz für Front­kämpfer". Wegen ,hervorragender Wachsamkeit vor dem Feinde" wurde er zum Vizewachtmeister befördert. Nach Kriegsende bestand er am Paulinum nach einem Sonderlehrgang das Abitur (24.10. 1919), absolvierte aufgrund einer Sonderzulassung für Frontkämpfer (?) vom 5.2.1919 bis zum 25.3. 1921 ein Studium der Rechts- und Staats­wissen­schaften an der Univ. MS. Dann trat er in die 1909 gegründete väterliche Fa. ,Wolff & Co." ein, die in MS vier Geschäfte unterhielt: Weißwaren und Stoffe, Salzstr. 37, Stepp- und Daunendeckenfabrik, Grevener Str. 167, Gardinen- und De­ko­ra­tions­ge­schäft mit Orientteppichabteilung, Salzstr. 10, und ein Ausrüstungsgeschäft für Nessel- und Bunt­waren­stoffe, Windhorststr. 10. Nach dem Tode des Vaters 1930 wurde er Geschäftsführer. Engagierte sich 1931 für die Gründung eines Angestellten-Aus­schus­ses der C.V.-Ortsgruppe MS. Er war ein bekannter Leichtathlet, wurde einmal ,Vaterländischer Festspielmeister" und war in einem Länderkampf gegen die Niederlande Vertreter Deutschlands im Weit- und Stabhochsprung. Er war daneben Sport­flieger und Mitglied des ,Freiballonsport-Vereins MS und Münsterland" (1924). Als Kopilot von Ferdinand Eimermacher gewann er den zweiten Preis bei der Wettfahrt um den DLV-Wanderpreis 1932. Als im April 1933 jüd. Sportler aus allen Vereinen ausgeschlossen wurden, war er bei Aufbau und Organisation eines jüd. Sportclubs entscheidend beteiligt. 1934 war er münsterischer Jugend- und Sport­leiter, dann Bezirkssportleiter des RjF in Westfalen. Er organisierte Sportfeste und Meisterschaften der jüd. Sportler aus dem weiten Umkreis in MS: 1934 in der Sportbahn am Schiffahrter Damm, 1935 auf der Maikottenheide. Bei der Arbeitstagung des jüd. Landessportverbandes von Westdeutschland am 14.10.1934 wurde er zum Obmann für Werbung gewählt. Das Geschäft war nach der Machtübernahme durch Boykott und Machenschaften des Teilhabers schnell ruiniert. Noch Ende 1933 wurde das Kon­kursverfahren eingeleitet. Danach eröffnete er unter eigenem Namen im elterlichen Haus Südstr. 44 einen ambulanten Textilhandel. Er verkaufte Waren auf Abzahlung in der näheren und weiteren Umgebung. Nach dem Novemberpogrom hatte er noch 5.000 RM Außenstände. Als in der Pogromnacht 1938 SA- und SS-Leute in sein Haus eindrangen, rettete er sich durch einen Sprung aus dem Winter­garten und über die Nachbarmauer, um Hilfe bei der Polizei zu holen, die ihm jedoch verweigert wurde. Er hatte sich dabei eine Verletzung zugezogen, die unbehandelt blieb und eine schwere Gehbe­hin­de­rung zur Folge hatte. Seine Wohnung wurde geplündert und Schmuck, Geld und Silbergegenstände sowie der Pkw gestohlen. Im Hause Wolff wurde alles kurz und klein geschlagen, selbst die beiden Gemälde des bekannten münsterischen Malers Grotemeyer von ihm und seinem Vater wurden zerstochen. Seine Mutter wurde durch einen Beilhieb verletzt, seine Frau und der 18 Monate alte Sohn im Badezimmer eingeschlossen. Er selbst wurde wie die übrigen Münsteraner Juden in das Polizeigefängnis einge­liefert und kam, nachdem er Auswande­rungs­ab­sichten geäußert hatte, nach etwa 14 Tagen wieder frei. Bei seiner Emigration nach Brasilien begleitete ihn ein christl. Freund bis an das Schiff, um NS-Schikanen zu verhindern. Ohne Geld und ohne Sprach­kenntnisse in Brasilien, dazu mit einer durch den Novemberpogrom nervlich zerrütteten Frau, war der Start denkbar ungünstig. Mit Hilfe eines Darlehens konnte er einen Konfektionsbetrieb aufbauen, an dem ein stiller Teilhaber zur Hälfte beteiligt war. Inflation, Krankheiten und die Unterhaltung der schwerkranken Schwiegermutter zehrten die An­fangs­rücklagen wie die Entschädigung nach dem Krieg vollständig auf, da es keine Krankenversicherung gab. Er wurde am 17.6.1952 in Deutschland wiedereingebürgert und kam nach dem Tod seiner Frau 1966 nach Deutschland zurück. Er verstarb 1976 in MS.

∞ 30.12.1937 Düsseldorf
EHEFRAU
Ines geb. Ghigo
30.12.1909 Turin - 2.12.1966 Brasilien
E: Enrico Ghigo (ca. 1874 - 1916 Turin) u. Helene geb. Hirsch (4.9.1879 Burgsteinfurt - 17.7.1959 Brasilien)
Als Tochter eines italienischen Vaters hatte sie durch Geburt die italienische Staatsangehörigkeit. Ihr Vater, der 1916 im Alter von 42 Jahren an Lungenentzündung starb, war Vertreter bei Bayer-Leverkusen gewesen. Sie besuchte 1915 - 1919 die Grundschule in Turin, verzog dann mit ihrer Mutter nach Burg­steinfurt, wo sie 1919 - 1924 die höhere Töch­ter­schule besuchte. Anschließend weilte sie zu Sprach­studien in Italien und belegte neben ihrer Berufsausbildung Abendkurse in Italienisch und Englisch. 1924 - 1928 war sie als Schneiderlehrling in Burg­steinfurt, die Gesellenprüfung erfolgte am 7.11. 1927. Von 1928 bis 1934 war sie in Düsseldorf Zuschneiderin und Direktrice in den Ateliers ,Schott-Winter" und ,Braun-Röwekamp". Mitte 1935 wurde sie, nach ihren Aussagen, als Jüdin von der Fa. Hettlage, Düsseldorf, entlassen, weil sie den Hitler­gruß verweigerte. Sie bekam danach eine Anstellung als Hilfs-Direktrice bei der Fa. Theissen, mußte diese Stellung auf Druck der ,Deutschen Arbeits­front" aber Mitte 1936 aufgeben. Seitdem war sie arbeitslos. Die Meisterprüfung konnte sie aus NS-ideologischen Gründen nicht machen. Seit ihrer Heirat Ende 1937 wohnte sie in MS, Südstr. 44. In der Pogromnacht wurde sie von Nazi-Horden überfallen und mit ihrer Schwiegermutter sowie ihrem kleinen Sohn in das Badezimmer eingesperrt, während ihr Ehemann vergeblich Hilfe bei der Polizei erbat. Der Tresor, in dem sich u.a. Schmuckstücke und ihre geldliche Aussteuer in bar befanden, wurde geplündert. Sie erholte sich nie wieder von den psychischen Folgen dieser Erlebnisse. Konnte mit Ehemann und Sohn im April 1939 nach Brasilien flüchten. Einer Berufstätigkeit konnte sie nicht mehr nachgehen. Sie verstarb in Sao Paulo im Alter von 57 Jahren.

KIND
Peter
* 15.7.1937 Goslar, lebte 1995 in Brasilien
Emigrierte als Kleinkind mit seinen Eltern im April 1939 nach Brasilien.


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