R172 Meyer, Julius
 24.07.1847 - 27.02.1915

Julius Meyer
geb. 24. Juli 1847
gest. 27. Febr. 1915.

[Das Sterbedatum weicht von den Angaben des Standesamtes ab – siehe Handbuchartikel.]

Emma Meyer
geb. 12. August 1859
gest. 6. September 1938.

aus: Gisela Möllenhoff / Rita Schlautmann-Overmeyer, Jüdische Familien in Münster 1918 – 1945. Teil I Biographisches Lexikon, Münster  ²2001

S. 295
MEYER
Julius

24.7.1847 MS - 28.2.1914 MS
E: Joseph Meyer (6.6.1808 Freckenhorst - 7.7.1885 MS) u. Josephine geb. Sternberg (15.2.1818 Meppen - 5.11. 1889 MS)
G: Max (30.07.1842 Freckenhorst - 23.5.1885 MS); Johanna ∞ Mehler (5.11.1848 MS - 22.7.1890 MS); Hugo (ca. 1855 MS - 9.9.1883 MS)
Kaufmann, Rentner seit 1912. Die Eltern zogen ca. 1840-42 von Freckenhorst nach MS. Er übernahm vom Vater die seit 1845 in MS bestehende Manufaktur- und Herrenkleiderhandlung (Tuchhandlung u. Herrengarderobe) ,Gebr. Meyer". Das Wohn- und Geschäftshaus Bogenstr. 6 hatte er vom Vater geerbt. 1899 unterstützte er als Mitglied die ,Abendgesellschaft des Zoologischen Gartens". Gehörte seit 1887 bis mindestens 1899 dem Repräsentantenkollegium der jüd. Gemeinde an. Er verstarb mit 67 Jahren und wurde auf dem jüd. Friedhof in MS beigesetzt.

∞15.11.1881 München
EHEFRAU
Emma geb. Cohen
12.8.1859 München - 6.9.1938 MS
E: Benjamin Cohen (23.3.1821 Wallerstein/Bayern - 23.2.1886 München) u. Hertha geb. Marx (17.6.1827 München - 25.12.1908 München)
Zugezogen von München, vermutlich nach ihrer Heirat 1881. Wohnte Bogenstr. 6 und war Eigentümerin des Hauses Gutenbergstr. 1, das am 29.12.1938 von den Erben zum Einheitswert verkauft wurde. Sie verstarb mit 79 Jahren an Krebs und wurde neben ihrem 24 Jahre früher verstorbenen Ehemann auf dem jüd. Friedhof in MS begraben. Drei ihrer Kinder wurden Opfer der NS-Gewaltherrschaft.

KINDER
Clara ∞ WEYL, Ernst
21.8.1882 MS - Ghetto Minsk

Max ∞ MEYER, Dr. jur. Max
1.6.1885 MS - 29.1.1944 Ghetto Theresienstadt

Bernhard
12.7.1889 MS - 4.3.1908 MS
Realschüler. Er verstarb mit 18 Jahren und wurde auf dem jüd. Friedhof in MS beigesetzt.

Elisabeth ∞ LEESER, Elisabeth
14.11.1891 MS - 1944/45 KZ Stutthof

S. 499-500
WEYL
Ernst
23.6.1873 Bocholt - KZ Treblinka
E: Samuel Weyl, Fabrikbesitzer in Bocholt, (verstorben 1920) u. Bertha geb. Isaac
G: Carl (verstorben Dezember 1938)
Fabrikant. Er war Teilhaber der Bocholter Textil­firma ,S.A. Weyl & Sohn", einer mechanischen Weberei mit 450 Webstühlen (1898). Im Jahre 1921 wurde die Firma an die ,Rudolph Karstadt AG" in Berlin verkauft. Seitdem war Ernst W. bis zur Li­quidation des Betriebes infolge der Welt­wirt­schafts­krise (1931) stellvertretendes Vorstandsmitglied und bezog seit 1931 eine Pension. Er verzog 1938 von Bocholt nach Düsseldorf und am 29.6.1939 nach MS. Das Ehepaar wohnte bei dem Bruder der Frau, à Dr. jur. Max Meyer Rudolfstr. 20 und verzog, nach der Bombenzerstörung des Hauses am 8.7.1941 und vorübergehendem Wohnsitz im ,Judenhaus" Salz­str. 3, am 29.8.1941 nach Minden in das Haus der Schwester seiner Ehefrau, à Elisabeth Leeser. Am 31.7.1942 wurde er von Minden mit seiner Ehefrau (Transportnummern 572-573) sowie à Max und à Elfriede Meyer mit dem Transport XI/1 des Ge­stapobezirks MS-Bielefeld nach Theresienstadt de­por­tiert. Zwei Monate später (23.9.1942) wurde das Ehepaar ins Vernichtungslager Treblinka verbracht. 1953 wurden sie vom Amtsgericht Minden für tot erklärt.

∞ 3.9.1904 MS
EHEFRAU
Clara geb. Meyer
21.8.1882 MS - KZ Treblinka
E: Julius Meyer (24.7.1847 MS - 28.2.1914 MS) u. Em­ma geb. Cohen (12.8.1859 München - 6.9.1938 MS)
G: Dr. Max (1.6.1885 MS - 29.1.1944 Ghetto The­re­sien­stadt); Bernhard (12.7.1889 MS - 4.3.1908 MS); Elisabeth ∞ Leeser (14.11.1891 MS - 1944/45 KZ Stutthof)
Sie entstammte einer alteingesessenen westfälisch-jüd. Familie, die 1845 von Freckenhorst nach MS, Bogenstr. 6, zugezogen war und einen Tuchhandel begründete. Nach ihrer Heirat 1904 verzog Clara W. nach Bocholt, wo sie 34 Jahre lebte. Im Juni 1939 kam das Ehepaar von Düsseldorf nach MS in das Haus ihres Bruders Dr. Max Meyer. Sie war Miterbin der Häuser Bogenstr. 6 und Gutenbergstr. 1, die am 10.12.1938 bzw. am 29.12.1938 verkauft wurden. Am 4.11.1939 wurde mittels einer ,Siche­rungs­anordnung" ihr Vermögen gepfändet und ihr standen nur festgesetzte monatliche Frei­beträge zur Verfügung. Im Juli 1941 wurde Um­zugsgut bei einem Spediteur eingelagert, da vermutlich Aus­wan­de­rungsabsichten bestanden. Sie zog mit Ehemann und Bruder sowie dessen Frau am 29.8.1941 nach Minden in das Eigentum ihrer Schwester, wurde von dort ins Ghetto Theresienstadt deportiert und knapp zwei Monate später  (23.9.1942) ins Ver­nich­tungs­lager Treblinka verbracht, wo sie umkam.

KINDER
Werner
* 16.11.1907 Bocholt
Emigrierte am 14.6.1939 über England (?) in die USA.

Gertrud ∞ Reiner
* 23.2.1911 Bocholt
Emigrierte nach Palästina.

S. 295-298
MEYER
Max, Dr. jur. (ev.)
1.6.1885 MS - 29.1.1944 Ghetto Theresienstadt
E: Julius Meyer, Kaufmann, (24.7.1847 MS - 28.2.1914 MS) u. Emma geb. Cohen (12.8.1859 München - 6.9. 1938 MS)
G: Clara ∞ Weyl (21.8.1882 MS - KZ Treblinka); Bernhard (12.7.1889 MS - 4.3.1908 MS); Elisabeth ∞ Leeser (14.11.1891 MS - 1944/45 KZ Stutthof)
Rechtanwalt und Notar. Er wurde "Meyer III" genannt, da es in MS zwei weitere Rechtsanwälte gleichen Namens gab. Nachdem er seit Ostern 1891 vier Jahre lang in einer Privatschule gewesen war, besuchte er ab Ostern 1895 bis zum Abitur 1904 das Städt. Gymnasium und Realgymnasium. Kon­ver­tierte zum ev. Glauben. Er studierte Rechts­wissen­schaften an den Universitäten Freiburg (1904), München (1904/05), Berlin (1905/06) und MS (1906/07). Neben den vorgeschriebenen Vorlesungen, in MS u.a. bei Prof. Ernst Jacobi, besuchte er auch Sprach­­­kurse. Am 29.7.1907 bestand er die erste Staatsprüfung am OLG Hamm und wurde anschließend zum Referendardienst an das Amtsgericht Soest, am 26.6.1909 an das LG MS überwiesen. Vom 1.10.1907 bis zum 1.10.1908 kam er beim 1. Bayr. Infanterie-Regiment in München seiner Mili­tä­rpflicht nach. Er promovierte 1910 zum Thema "Die Mahnung und ihre Äquivalente im deutschen bürgerlichen Recht" an der Friedrich-Alexander-Univ. in Erlangen. Am 28.4.1913 wurde er zum Gerichtsassessor ernannt. Er nahm während des 1. WK als Offizier und Kompanieführer u.a. bei der Kavallerie am Frankreichfeldzug teil. Im November 1918 war er als (stellvertretender) Kriegsgerichtsrat beim Gericht der 4. Bayr. Infanterie-Brigade in Neu-Ulm tätig und wurde im Januar 1919  aus dem Hee­res­dienst entlassen. Er erhielt das EK I und II sowie am 20.12.1934 das "Ehrenkreuz für Frontkämpfer". Im Jahre 1919 war er als Hilfsrichter in Attendorn und Fredeburg tätig und bewarb sich 1919 vergeblich um eine Richterstelle am Amtsgericht oder LG MS, wozu ihn der Landgerichtspräsident aufgrund seiner tadellosen Führung, seiner Befähigung und seiner Leistung empfohlen hatte. Seine Zulassung für den OLG-Bezirk Hamm als Rechtsanwalt erfolgte am 13.1.1920 und als Notar am 29.5.1925. Seine Praxis befand sich anfangs Bergstr. 75 (1920 - 1923), dann am Prinzipalmarkt 24 und ab 25.6.1937 Rudolfstr. 20. Er lebte zunächst im Elternhaus, Bo­genstr. 6 (1904), dann Gutenbergstr. 1 (1919). Mit seiner Familie wohnte er Rudolfstr. 20 (1936, Eigentum seiner Frau). Am 28.8.1934 mußte er den "Eid auf den Führer" leisten. Seine Zulassung als Notar wurde ihm am 8.1.1935 entzogen. Im April 1936 wurde sein Gesuch "auf Belassung im Amt als Notar", das er ebenso wie sein Schwager Dr. Eugen Leeser stellte, negativ beschieden. Nach der Pogromnacht 1938 erwog er auszuwandern. Nach dem Tod seiner Mutter wurde er Miterbe der Häuser Bogenstr. 6 und Gutenbergstr. 1, die am 10.12.1938 bzw. am 29.12.1938 unter bzw. zum Einheitswert verkauft wurden. Seine Zulassung als Rechtsanwalt wurde ihm am 30.11.1938 entzogen, und er erhielt lediglich bis zum 31.1.1939 eine befristete Konzession als ,jüdischer Konsulent", deren Verlängerung abgelehnt wurde. Die zu erwartenden Probleme angesichts seines Alters (54 Jahre), seines angegriffenen Gesundheitszustandes und der aussichtslosen beruflichen Perspektive für Juristen in einem fremden Land mit unbekannten Rechtsverhältnissen, da­zu die Krankheit seiner Frau ließen ihn eine eigene Emigration hinauszögern. Jedoch hatte er im Frühjahr 1939 beide Kinder nach England in Sicherheit gebracht. Seit Juli 1939 erschien auch dem Ehepaar Meyer eine Auswanderung immer dringlicher. Aus diesem Grund appellierten sie an den Sohn, seine landwirtschaftliche Ausbildung zielstrebig zu verfolgen, um dann ihre Übersiedlung nach England sicherstellen zu können, "weil ja unseres Bleibens hier auf die Dauer" nicht mehr gewährleistet ist. Daraufhin nahm seine Frau im Juli 1939 Eng­lisch­unterricht, den Max M. ebenfalls aufnehmen wollte. Seine Schwester Clara und ihr Mann Ernst Weyl wohnten seit Juni 1939 bei ihm, am 6.2.1940 kam noch seine Schwester Elisabeth Leeser hinzu. Im Juli 1939 war dem Finanzamt bereits eine Sicherheit für die ,Judenvermögensabgabe" und für die etwa fällig werdende Reichsfluchtsteuer geleistet worden (,Sicherungsanordnung"), das restliche Vermögen war nur noch beschränkt zugänglich. Die Krankenschwester Käthe Pelkmann sowie die Familie Lies­ker und sein ehemaliges Mündel Maria hielten den Kontakt zum Ehepaar M. bis zu deren Umzug nach Minden aufrecht, obwohl die Besucher durch Partei­mitglieder in der Nachbarschaft bespitzelt wurden. Im April und Juli 1940 wurden weitere jüd. Personen, Leopold Casper und Emmy Blumenthal, in sein Haus eingewiesen, die Familie Hugo Stern wohnte bereits seit Juli 1939 dort. Das Haus wurde am 8.7.1941 durch Brandbomben zerstört, so daß Elfriede und Max M. obdachlos waren und für kurze Zeit im ,Judenhaus" Salzstr. 3 (ehemaliges Elternhaus seiner Ehefrau) untergebracht wurden, bevor sie am 29.8.1941 die Erlaubnis erhielten, mit seinen beiden Schwestern nach Minden zu ziehen. Das Ehepaar wohnte dort zunächst im Haus seiner Schwe­­ster Elisabeth Leeser Kampstr. 27, dann Hei­de­str. 21 (7.4.1942) und ab 1.5.1942 im Haus der jüd. Gemeinde, Kampstr. 6. Wegen der notwendigen ärztlichen Versorgung seiner Ehefrau war er im April 1942 gezwungen, den Oberfinanzpräsidenten MS um eine Erhöhung des festgesetzten monatlichen Freibetrages zu bitten. Die SD-Haupt­außen­stelle Bielefeld prangerte am 7.4.1942 die "zusätzliche Zuteilung [von Nahrungsmitteln] an Juden" an und führte Max M. als "besonders krassen Fall" an, da ihm mit ärztlicher Genehmigung 3,5 l Milch, 125 g Butter und 250 g Nährmittel zugeteilt worden waren. Einige Tage vor der Deportation verabschiedete er sich von einem christl. Bekannten in Minden mit den Worten: ,Was habe ich Unrecht getan, daß wir so leiden müssen? Ich bin Kriegsbeschädigter und habe meine Gesundheit für mein Vaterland geopfert". Von Minden wurde er, zusammen mit seiner Frau sowie seiner Schwester Clara Weyl und deren Mann, am 31.7.1942 dem Transport MS - Bielefeld zugeteilt (Nr. XI/1-349) und ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo er 18 Monate später den Lagerbedingungen erlag.

∞ 7.10.1919 MS
EHEFRAU
Elfriede geb. Feibes
3.2.1896 MS - KZ Auschwitz
E: Siegfried Feibes, Kaufmann, (29.7.1852 MS - 14.3. 1916 MS) u. Helene geb. Blumenfeld (19.8.1860 Burg­steinfurt - 17.2.1938 MS)
Besuchte die Ev. Höhere Töchter-Schule in MS und studierte ab Wintersemester 1918/19 drei Semester Medizin an der Univ. MS. Sie betreute während des 1. WK Kleinkinder. Wurde lange Zeit wegen einer chronischen Erkrankung des Nervensystems gepflegt. Am 13.12.1938 wurde wegen angeblichen Emigrationsversuches ("hat ihre Auswanderung in Erwägung gezogen") per ,Sicherungsanordnung" ihr Vermögen für die "Judenvermögensabgabe" - für die sie schließlich 52.000 RM aufbringen mußte - gepfändet. Sie konnte nur mit Erlaubnis der Devisenbehörde darüber verfügen. Ein Vetter unterstützte die Emigration ihrer Kinder nach England. Der Wegzug nach Minden mit ihrem Ehemann erfolgte am 29.8.1941. Sie wurde, schwerkrank und fast erblindet, am 31.7.1942 nach Theresienstadt deportiert und von dort zwei Jahre später (16.10. 1944) - ihr Mann war bereits zehn Monate vorher verstorben - zusammen mit weiteren 1.500 jüd. Männern, Frauen und Kindern nach Auschwitz verbracht und ermordet. Drei Monate nach ihrer Depor­tation aus MS wurde das ihr gehörige Grundstück Rudolfstr. 20 als "unbewegliches Vermögen von Reichsfeinden" zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen. Nach einem Erlaß des Reichs­innen­ministers vom 9.4.1942 konnte jüd. Grund­besitz für gemeindliche Zwecke in Anspruch genommen werden. Für diesen Zweck reklamierte der Re­gie­rungs­präsident am 24.2.1942 das Haus, da es sich "nach seiner Wiederherstellung sehr gut als Dienst- oder Mietwohnung für einen Beamten" eignete, jedoch riet das Hochbauamt von einer Übernahme der Besitzung ab. 1949 erklärte das Amts­gericht Minden das Ehepaar M. für tot.

KINDER
Friedrich (Fritz)
9.10.1921 - 14.8.1944 England
Schüler. Besuchte die ev. Comeniusschule, anschließend das Städt. Realgymnasium bis ca. 1938. Er mußte dann aufgrund der NS-Gesetzgebung die Schu­­le verlassen. Absolvierte vom 5.2.1938 bis zum 1.9.1938 ein landwirtschaftliches Praktikum in Groß-Breesen bei Obernigk/Schlesien und kehrte anschließend nach MS zurück. Stellte im Januar 1939 einen Ausreiseantrag nach England, um von dort nach einer Wartezeit in die USA weiter­zu­wandern. Nachdem ein Cousin seiner Mutter sich für seine Einreise nach England eingesetzt hatte, emigrierte er dorthin im Februar 1939 mit einem Visum, das ihm das ,German Jewish Aid Com­mittee" in London am 5.1.1939 zugesandt hatte. Aus diesem Grund war er zum Judentum zurückgekehrt. In England besuchte er zunächst bis zum 7.7.1939 eine Landwirtschaftsschule, die er aus Kosten­grün­den nicht beenden konnte. Anschließend war er in der Landwirtschaft tätig. Ende Juli 1939 war eine Ausbildung in Australien geplant, die durch Ausbruch des 2. WK  verhindert wurde. Nach Kriegs­ausbruch wurde er als ,feindlicher Ausländer" interniert, dann aber als Panzerfahrer in die englische Armee aufgenommen. Er war mit einer Engländerin verlobt. Mit 22 Jahren verstarb er an einer Nieren­erkrankung im York County Hospital.

Ursula
* 27.5.1925 MS, lebte 1995 in England
Schülerin. Besuchte zunächst die ev. Comenius­schule, dann 1936 - 1938 die Annette-Schule. Mitte der 1930er Jahre wurde sie von ihren Kameraden in der Nachbarschaft vom Spielen ausgeschlossen, nur eine Freundin hielt weiterhin zu ihr. In ihrer Schul­klasse wurde ihre jüd. Herkunft erst bekannt, als sie nach dem Novemberpogrom aufgrund des NS-Erlasses vom 15.11.1938 "Juden ist der Besuch deutscher Schulen nicht gestattet, sie sind sofort zu entlassen" die Annette-Schule nicht weiter besuchen durfte. Sie erhielt daraufhin Unterricht durch einen Hauslehrer und konnte mit einem "Kindertransport" am 22.5.1939 - als knapp 14jährige - zu einer fremden Familie nach Middlesex/England entkommen. Nachdem sie bis zum Sommer Englischunterricht erhalten hatte, setzte sie im Herbst ihre Schul­aus­bildung in einer öffentlichen Schule fort. Mit Beginn der Bombardierung Englands verzog die Familie nach Devon, wo Ursula M. eine Dorfschule besuchte. Der Plan, Rechtsanwaltsgehilfin zu werden, konnte wegen fehlender Mittel der Pflegeeltern und des gepfändeten Kontos der Eltern nicht realisiert werden. Sie machte eine Ausbildung als Sekretärin und anschließend als Krankenschwester. Sie heiratete den Sohn der Pflegeeltern und bekam zwei Töchter.

S. 250-251
LEESER
Elisabeth (Lissy) geb. Meyer
14.11.1891 MS - 1944/45 KZ Stutthof
E: Julius Meyer, Kaufmann, (24.7.1847 MS - 28.2. 1914 MS) u. Emma geb. Cohen (12.8.1859 München - 6.9.1938 MS)
G: Clara ∞ Weyl (21.8.1882 MS - KZ Treblinka); Dr. jur. Max (1.6.1885 MS - 29.1.1944 Ghetto There­sienstadt); Bernhard (12.7.1889 MS - 4.3.1908 MS)
Sie wuchs als jüngstes Kind eines Kaufmanns für Herrenkonfektion in MS, Bogenstr. 6 und Guten­bergstr. 1, auf. Die väterliche Firma ,Gebr. Meyer" war bereits vor 1853 in MS niedergelassen. Seit ihrer Heirat 1924 lebte Lissy L. in Minden, wo ihr Mann als Rechtsanwalt tätig war. Sie war Miterbin der Häuser Gutenbergstr. 1 und Bogenstr. 6, die beide im Dezember 1938 verkauft werden mußten. Nachdem ihr Mann im KZ Buchenwald ums Leben gekommen war, zog sie am 6.2.1940 wieder nach MS und wohnte bei ihrem Bruder Dr. Max Meyer, Rudolfstr. 20. Nach der Zerstörung des Hauses durch Bomben zog sie am 29.8.1941 zusammen mit ihrem Bruder und dessen Frau nach Minden zurück in ihr eigenes Haus. Von dort wurde sie ins Ghetto Riga deportiert. Als die sowjetische Front 1944 näher­rückte, wurden die Lager in Lettland evakuiert. In diesem Zusammenhang wurde Elisabeth L. im April 1944 ins ehemalige Ghetto Kowno/Kauen (Litauen) verbracht, das seit Ende 1942 in ein Konzentrationslager umgewandelt worden war. Bei der Auflösung dieses Lagers drei Monate später (19.7.1944) wurde Elisabeth L. zusammen mit über 1.000 weiteren Häftlingen ins KZ Stutthof bei Danzig überstellt. Durch eine auch von anderen Frauen vorgenommene Vordatierung ihres Geburtsdatums von 1891 auf 1896 erhoffte sie sich bessere Überlebenschancen. Sie kam entweder infolge der Lebensbedingungen im KZ Stutthof oder bei den seit Januar 1945 angeordneten Evakuierungsmärschen ums Leben. Ihre beiden Kinder konnten nach England zu Verwandten emigrieren.

∞ 6.12.1924 MS
EHEMANN
Eugen Leeser, Dr. jur.
17.3.1883 Dülmen - 20.11.1938 KZ Buchenwald
E: Jacob Leeser (19.3.1850 Dülmen - 17.11.1927 Dül­men) u. Pauline geb. Salomon (19.4.1856 Lünen - 17.8.1927 Dülmen)
G: Alfred (6.6.1885 Dülmen - 24.8.1918 Bray sur Somme/Frankreich in engl. Gefangenschaft); Otto (7.1. 1888 Dül­men - 9.11.1964 England); Hermann (7.9. 1890 Dül­men - 13.11.1938 MS, Freitod); Rosalie ∞ Herzfeld (26.10. 1881 Dülmen - 12.4.1941 Zuchthaus Brandenburg)
Rechtsanwalt und Notar. Lebte während seiner Schul­­­­zeit am Gymnasium Dionysianum bei Verwandten in Rheine und legte dort 1903 sein Abitur ab. War während seines Jura-Studiums vom Som­mer­semester 1905 bis zum Wintersemester 1905/06 an der Univ. MS immatrikuliert und wohnte Magda­le­nenstr. 6. Nach Fortsetzung seines Studiums in München und Berlin promovierte er im Juli 1909 mit ,cum laude" zum Thema ,Über die tele­pho­nische Vertragsannahme und ihre Verhinderung" an der Univ. Leipzig. Von 1914 bis 1918 war er Soldat an der Westfront, zuletzt Führer einer Abhörstation und wurde als Offiziersaspirant entlassen. Er wurde mit dem EK II, dem "bayr. Militärverdienstkreuz mit Krone und Schwertern" und am 27.12.1934 mit dem ,Ehrenkreuz für Frontkämpfer" ausgezeichnet. Er ließ sich 1919 in Minden nieder und wurde am 13.4.1920 zum Notar ernannt. Er war geschichtlich interessiert und verfaßte 1935 eine Chronik der Familie Leeser. Gehörte dem Vorstand der C.V.-Orts­gruppe Minden an. Er war Mitglied der DDP und 1924 - 1927 des ,Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold". Aufgrunddessen versuchte man ihm 1933 kommunistische Tätigkeiten zu unterstellen. Seine Zulassung als Rechtsanwalt wurde ihm 1933 vorübergehend entzogen. Am 25.8.1934 mußte er den ,Eid auf den Führer" leisten. Sein Gesuch um "Be­las­sung als Notar", das er zusammen mit seinem Schwager Dr. Max Meyer aus MS stellte, wurde im März 1936 negativ beschieden, obwohl ein Mün­ste­raner Landgerichtsrat (Mitglied der NSDAP) ,lediglich im Interesse der Gerechtigkeit, keineswegs nur um einem Juden zu helfen, ausschließlich aus Menschlichkeit" für ihn eintrat. Ebensowenig wurde trotz Befürwortung durch den Land­gerichts­prä­sidenten in Bielefeld im Oktober 1938 sein Gesuch um Zulassung als "jüd. Rechts­kon­sulent" genehmigt. Nach der ,Polenaktion" vom 28.10.1938 wurde er am Amtsgericht MS als Ab­wesenheitspfleger für fünf Juden polnischer Staatsangehörigkeit verpflichtet. Im Verlauf des Novem­berpogroms 1938 wurden sein Büro und sein Haus verwüstet, er selbst verhaftet und ins KZ Buchen­wald eingeliefert, wo er einige Tage später umkam. Seine Asche wurde auf dem jüd. Friedhof in Minden beigesetzt. 1949 wurde er für tot erklärt.

KINDER
Hans
* 11.9.1925 Minden, lebte 1995 in England

Gerhard
* 3.11.1926 Minden, lebte 1995 in England

[Weitere Informationen konnten unter dem Reiter "Weiteres" eingestellt werden.]


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