R94 Gumprich, Friedrich
 10.03.1900 - 24.12.1964

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Friedrich Gumprich

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[mit ihm sei der Friede]


geb. 10.3.1900
gest. 24.12.1964

 

aus: Gisela Möllenhoff / Rita Schlautmann-Overmeyer, Jüdische Familien in Münster 1918 – 1945. Teil I Biographisches Lexikon, Münster  ²2001

S. 162-163
GUMPRICH
Friedrich (Fritz)
10.3.1900 MS - 29.12.1964 MS
Wurde benannt nach dem 99-Tage-Kaiser Friedrich III. (1831-1888). Er war Bankbeamter des Barmer Bankvereins. Im Jahre 1913 folgte er seiner Schwester Selma Plaut nach Berlin. Im Jahre 1933 (?) wurde er vermutlich aufgrund des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" aus einer städt. Behörde in Wiesbaden, in der er seit 1930 tätig war, entlassen. Daraufhin baute er einen Gemüsehandel auf. 1931 hatte er ein späteres SA-Mitglied beleidigt. Dies führte zu Gerichtsverhandlungen, bei denen 1935 eine "Einigung" erzielt wurde, als Friedrich G. auf Anraten der Anwälte die Beleidigung mit dem Ausdruck des Bedauerns als unwahr zurücknahm. Als er im Sommer 1935 trotz Verbotes auf dem Großmarkt Obst und Gemüse zur Belieferung eines jüd. Restaurants einkaufte, fahndete die SA-Standarte bereits nach ihm. Seine kath. Ehefrau Marianne Stövecken (* 14.3.1901) wurde inhaftiert. Er konnte sich einer Inhaftierung durch Flucht entziehen und hielt sich zunächst bei seinem 83jährigen Vater in Köln auf. Dann gelangte er über MS und Enschede, wo sein Halbbruder Albert lebte, nach Amsterdam. Er versuchte in den Niederlanden seinen Lebensunterhalt mit einem Gemüsehandel zu verdienen. Ende November 1935 ging er als Vertreter einer deutsch-niederländischen Blumenfirma nach England. Da er keine Sprach- und Branchenkenntnisse besaß, florierte das Geschäft nicht und die Firma löste den Vertrag, womit er sein Aufenthaltsrecht in England verlor. In der Zwischenzeit war seine Frau aus der Haft entlassen worden und nach England gelangt. Beide wurden in die Niederlande abgeschoben. Da er völlig mittellos war, wandte er sich mit der Bitte um Unterstützung an das jüd. Komitee in Amsterdam. Sie wurde ihm (zunächst) verweigert, da er nicht aus Deutschland geflohen, sondern aus einem Nichtverfolgerstaat gekommen war. Seine Frau ersuchte daraufhin das niederländische Hilfskomitee für sog. "nicht-arische Christen" um Unterstützung. Dieses gewährte jedoch nur Protestanten Hilfe. Die Anfrage beim "Katholischen Komitee" ergab als Antwort: Da die Heirat nicht anerkannt werde, könne es keine Hilfe für sie geben. Schließlich fand sich eine Lösung durch unbekannte Vermittler zu ihren Gunsten. Ihre Emigration wurde nach dem 3.9.1936 durch internationale finanzielle Kooperation von London und Amsterdam ermöglicht. Fritz G. gelangte mit seiner Ehefrau nach Argentinien. Er kehrte 1958 mit seiner Tochter Marie Louise (* 21.9.1939 Buenos Aires) nach Deutschland zurück und arbeitete zuletzt bei der Landesbank für Westfalen. Er verstarb in MS und wurde auf dem jüd. Friedhof begraben.

S. 157-163
GUMPRICH
Salomon    
1.8.1852 Borghorst - 4.11.1938 Düsseldorf-Kaiserswerth
E: Selle Salomon Gumprich (12.1.1810 Borghorst - 5.7. 1892 Borghorst) u. Sophie geb. Meyberg (1820 Hohenlimburg - 8.12.1889 Borghorst)
G: David (16.8.1847 Borghorst - 24.7.1921 MS); Rika ∞ Weinberg (18.3.1850 Borghorst - 31.7.1914 Bork/Kr. Lüdinghausen); Isaak/Itzig (22.12.1855 Borghorst - 5.6.1865/7); Julie ∞ Steinfeld (6.12.1857 Borghorst - 11.10.1943 Ghetto Theresienstadt); Gustav (10.6.1861 Borghorst - verstorben vor 1937 Borghorst)

Viehhändler. Er wuchs in Borghorst in einer von jüd. Tradition geprägten Umgebung auf und wurde von einem jüd. Hauslehrer unterrichtet. Ausgesprochen deutsch-national gesinnt, war er ein Kind seiner westfälischen Umgebung, wie ihn eine seiner Töchter einmal beschrieb. Er blieb der jüd. Tradition verhaftet und ließ sich auch im Geschäftsleben nicht von dieser Einstellung abbringen. Mit 13 Jahren verließ er sein Elternhaus und nahm verschiedene Stellungen an. Als Soldat erlebte er den Deutsch-Französischen Krieg mit. Mit ca. 25 Jahren heiratete er gegen den Willen seiner Eltern und Schwiegereltern seine Cousine Sophie. Am 3.10.1878 kurz vor der Geburt seines ersten Kindes wurde er als Viehhändler in MS ansässig. Gegen die Zahlung von 28,50 M erwarb er am 30.11.1880 das Bürgerrecht der Stadt MS. Er wohnte zunächst Jüdefelderstr. 55 (1879), dann mit seiner wachsenden Familie im Familienstammhaus Neubrückenstr. 17-19 mit dem von Familienmitgliedern so bezeichneten "Gumprichschen Giebel". Im November 1911 wurde das Haus durch Funkenflug vom brennenden Martini-Kirchturm in Mitleidenschaft gezogen und mit finanzieller Hilfe der Stadt MS wieder aufgebaut. Salomon G. betrieb neben dem Viehhandel eine Manufakturwarenhandlung, die von seinen Söhnen Julius, Albert und Hermann fortgeführt wurde. Da sein Geschäft 1902 über den Umfang eines Kleingewerbes hinausging, war er zur Gewerbesteuer sowie zur Eintragung ins Handelsregister verpflichtet. 1893 war er Mitglied des "Vereins zur Abwehr des Antisemitismus". Er unterstützte 1898 das "Comité für Errichtung eines Asyls für jüdische Kranke und Altersschwache in Westfalen" (Grundsteinlegung 1904 in Unna). Seit 1899 bis mindestens 1905 zählte er zum Repräsentantenkollegium der jüd. Gemeinde MS. Zu Beginn der 1920er Jahre zog er sich von den Geschäften zurück und verzog mit seiner Frau und seinen Töchtern Alice und Ada ca. 1925 nach Wiesbaden, wo er seinen Lebensabend verbringen wollte. Nach dem Tod seiner zweiten Frau 1931 zog er nach Köln, wo seine Tochter Alice ansässig war. Nach deren Auswanderung im März 1934 befand er sich zunächst bis mindestens September 1935 im "Israelitischen Asyl" in Köln. Er verbrachte den Rest seines Lebens bei seinem Sohn Hermann und wurde in Düsseldorf-Kaiserswerth begraben.

EHEFRAU (1. Ehe)
Sophie geb. Elias
10.5.1851 Lüdinghausen - 6.12.1887 MS
E: Joseph Elias, Viehhändler, (* 1826) u. Esther geb. Gumprich (* 1827)
G: Julie ∞ Friede (* 23.12.1856); Lisette (* 22.3.1859); Jettchen; Robert; Gustav; Sally
Sie war die Cousine ihres Mannes und schenkte in zehn Jahren acht Kindern das Leben. Einige Monate nachdem ihre neugeborenen Zwillinge verstorben waren, verstarb sie 33jährig.
∞ 15.6.1889 Waltrop


EHEFRAU (2. Ehe)
Julie geb. Rosenthal
24.10.1864 Waltrop - 31.1.1931 Wiesbaden
E: Salomon Rosenthal, Metzger, (2.12.1826 Waltrop - 6.1. 1894 Waltrop) u. Helene geb. Meyersohn (12.2.1832 Halle/Westf. - 25.8.1909 Waltrop)
G: Ida ∞ Spanier (* 30.11.1859 Waltrop); Paula ∞ Ems (23.4.1867 Waltrop - 12.3.1944 Ghetto Theresienstadt); Feodor  (19.8.1869 Waltrop - 13.10.1903 Waltrop); Bertha (13.4. 1875 Waltrop - Ghetto/KZ Riga); Joseph (* 1880); Nathan (verstorben Dortmund); Albert; Max, jung verstorben
Sie wuchs mit acht Geschwistern in Waltrop auf. Nachdem sie mit 25 Jahren den Witwer Salomon Gumprich geheiratet hatte, übernahm sie einen großen Haushalt mit sechs Kindern. Sie kam aus einem religiös liberal geprägten Elternhaus, richtete sich aber in ihrer Ehe nach den Wünschen ihres Mannes und führte einen koscheren Haushalt. Da sie großen Wert auf die Bildung ihrer Kinder legte, engagierte sie eine Frau, die nachmittags mit den Kindern französisch sprechen mußte. 1898 war sie Mitglied des "Israelitischen Frauenvereins" in MS. Mit ihrem Mann und ihren Töchtern Alice und Ada zog sie ca. 1925 nach Wiesbaden und verstarb dort 1931.

KINDER
Friederike (Frieda, 1. Ehe)
23.10.1878 MS - 30.8.1964 USA
Nachdem sie am 28.7.1905 in MS den Kaufmann Julius Stern (27.7.1863 Limburg - 11.12.1960) geheiratet hatte, zog sie mit ihm in dessen Wohnort Hohenlimburg. Das Ehepaar hatte drei Kinder, Lotte (* 11.7.1906), Edith (24.6.1909 - 21.8.1921) und Rudolf (* 1.7.1915). Frieda St. verzog mit den Kindern nach Rietberg und gelangte 1942 über Spanien und Kuba in die USA.

Gustav (1. Ehe)
7.11.1879 - KZ Riga-Kaiserwald
 
David (1. Ehe)
20.1.1881 MS - 15.9.1957 Hagen-Haspe
Landwirt, Viehhändler. Wohnte im Elternhaus Neubrückenstr. 17-19. Er verzog nach seiner Heirat am 9.9.1909 in Hagen mit Jenny geb. Levy (* 9.9.1882 Hohenlimburg) nach Rüggeberg/Westf. und lebte seit ca. 1917 in Hagen. Sein Sohn Erich (* 11.7.1910) wohnte im Dezember 1938 bei der Familie Bertha Gumprich in MS. Zunächst war Ende Dezember 1938 eine Auswanderung mit seiner Ehefrau und den Söhnen Erich, Herbert (* 24.9.1911 Rüggeberg), Werner (* 3.7.1918 Hagen-Haspe) und Helmut (* 23.11.1920) über die Niederlande nach Paraguay geplant. Als dieses Vorhaben nicht zustande kam, versuchten sie im März 1939 nach Palästina zu emigrieren, wo sich die Söhne Heinz (* 13.5.1914 Ennepetal) und Kurt (* 24.9.1911 Rüggeberg) bereits seit 1934 bzw. 1936 befanden. Die Flüchtlinge wurden von der englischen Mandatsregierung jedoch nicht an Land gelassen und das Schiff nach Hamburg zurückgeschickt. Da David. G. schwer erkrankte, wurde er in Beirut an Land gebracht und im Gefängnis inhaftiert. Als er später nach Deutschland zurückgebracht werden sollte, wurde er wieder krank und vom Schiff ins jüd. Krankenhaus nach Alexandria gebracht. Nachdem er versucht hatte, illegal nach Palästina zu gelangen, wurde er in Port Said verhaftet. Mit Hilfe des jüd. Flüchtlingskomitees gelang ihm im Juli 1939 die illegale Einwanderung nach Palästina. Von den nach Deutschland zurückgeschickten Familienmitgliedern gelang den Söhnen Werner und Helmut später ebenfalls die Flucht nach Palästina. Seine Frau Jenny kam im KZ Majdanek (?), der Sohn Herbert im Durchgangslager Izbica und Erich im Zwangsarbeitslager Zamosc ums Leben. Die Frau seines Sohnes Erich, Martha geb. Gutreich (* 24.8. 1911) sowie dessen Tochter Waltraud (* 31.7. 1937) sind in einem unbekannten KZ verschollen.

Julius (1. Ehe)
30.9.1882 MS - KZ verschollen
Kaufmann. Wohnte im Elternhaus und war mit seinen Brüdern Albert und Hermann im Manufakturwarengeschäft in der Neubrückenstr. 19 tätig. Am 22.10.1912 verzog er nach der Heirat mit Martha geb. Davidsohn in deren Geburtsort Geestemünde. Er war Soldat im 1. WK. Während der NS-Zeit wohnte er in Bremen, wo er Anfang August 1941 verhaftet wurde. Seine Ehefrau wurde ins Ghetto Minsk deportiert; er kam ebenfalls in einem KZ ums Leben.

Hermann (1. Ehe)
21.12.1883 MS - 22./29.11.1968 Kanada
Er war seit Mitte 1914 im väterlichen Viehhandel und mit den Brüdern Albert und Julius im Manufakturwarengeschäft in der Neubrückenstr. 19 tätig. Am 15.12.1914 verzog er nach Kaiserswerth. Nahm als Soldat am 1. WK teil. Heiratete am 4.1.1921 in Kaiserswerth Martha Hertz (* 1887). Aus der Ehe gingen fünf Kinder (Max, Selma, Günther, Helmut und Manfred) hervor. Die Familie emigrierte 1938 nach Kanada.

Albert (1. Ehe)
17.5.1885 MS - 8.5.1962 Niederlande
Kaufmann, Viehhändler. Betrieb mit den Brüdern Hermann und Julius seit 1912 eine Manufakturwarenhandlung im elterlichen Eigentum Neubrückenstr. 19. Nach seiner Heirat am 14.5.1914 in Herbern mit Henriette geb. Samson (* 1.1.1882 Herbern) verzog er am 15.6.1914 nach Herbern, wo er mit seiner Frau und den vier Kindern Hilde (* 17.7. 1915), Anni (* 29.9.1916 Herbern), Karl (* 27.11. 1918 Herbern) und Ilse  (* 6.6.1920) bis zur NS-Zeit wohnte. Im Jahre 1927 erhielten seine Kinder einmal wöchentlich Religionsunterricht vom Münsteraner Oberkantor à Daniel Holzapfel. Ein Zuschuß zu den Reisekosten für den Lehrer gewährte ihm die Gemeindeverwaltung Herbern nicht. Sein von den Schwiegereltern übernommenes Manufakturwarengeschäft, das er neben dem Viehhandel betrieb, wurde seit Beginn der NS-Zeit boykottiert. Die Schaufenster waren mit Teer beschmiert worden. Er flüchtete im April 1933 in die Niederlande und holte die Familie nach. Da er mit dem Viehhandelsgeschäft in den Niederlanden keinen ausreichenden Gewinn erzielen konnte, beantragte er Ende 1933 eine zusätzliche Freigabe von seinem Konto, um damit ein Modegeschäft aufzubauen. Bei einer kurzen Rückkehr nach Deutschland wurde er festgenommen, aber auf Intervention seines Rechtsanwaltes wieder freigelassen. Albert G. überlebte mit seiner Frau die weitere NS-Zeit in den Niederlanden. Seine Töchter konnten mit Hilfe von Verwandten in der Familie eines niederländischen Pastors überleben. Seine Tochter Anni ∞ Rosenberg verstarb am 13.3.1947 in Enschede. Im Jahre 1995 lebte die Tochter Hilde ∞ Boucher in den USA, die Tochter Ilse ∞ Polak in Israel. Sein Sohn Karl wurde bei dem Versuch, die Schweizer Grenze zu überqueren, nach Deutschland zurückgeschickt. Zuletzt lebte dieser in Tilburg/NL; er wurde deportiert und im KZ Auschwitz ermordet. Albert G. ging im Jahre 1958, zehn Jahre nach dem Tod seiner Frau am 28.7.1948 in Enschede, eine zweite Ehe mit Cecilia (Cilli) Berger (* 22.7.1905) ein, die 1995 in Israel lebte. Er verstarb 1962 in Enschede.

Joseph (1. Ehe, Zwilling)
6.5.1887 MS - 10.7.1887 MS

Carl (1. Ehe, Zwilling)
6.5.1887 MS - 13.7.1887 MS
Die Zwillinge verstarben zwei Monate nach ihrer Geburt, die vermutlich auch das Leben ihre Mutter forderte.

Selma (2. Ehe)
1.4.1890 MS - 4.3.1993 Kanada
Zu ihrer Zeit war es an einer münsterischen Schule für Mädchen noch nicht möglich, das Abitur abzulegen. Sie wurde nach Nancy in eine französische Schule geschickt und machte dort ein französisches Sprachexamen. In MS erhielt sie Gesang- und Klavierunterricht. Sie sang im Musikverein und als Solistin im Synagogenchor. Am 22.12.1911 heiratete sie in MS Jonas Plaut (* 23.8.1880 Willingshausen/Ziegenhain), den Sohn von Moses Plaut und Bertha geb. Goldschmidt. Ihr Mann war Pädagoge und Rektor der jüd. Schule und der Lehrerbildungsanstalt in MS (Marks-Haindorf-Stiftung). Die Familie verzog am 22.3.1913 nach Berlin-Charlottenburg, wo Jonas P., durch Vermittlung von Dr. Meier Spanier, dessen Stelle er an der Marks-Haindorf-Stiftung übernommen hatte, eine Anstellung an einer jüd. Mädchenschule in Berlin bekam. Seit 1922 führte Selma P. zusammen mit ihrem Mann das bekannte jüd. Auerbachsche Waisenhaus in Berlin. Als die Situation in Deutschland sich während der NS-Zeit immer mehr zuspitzte, brachte sie immer wieder einige Waisenkinder über die Grenze und kehrte selbst jedes Mal zurück. Erst nach der Pogromnacht 1938, als Jonas P. die Nächte in wechselnden Quartieren verbringen mußte, weil immer wieder Hausdurchsuchungen stattfanden, entschied sich das Ehepaar, das wegen der noch anwesenden Waisenkinder so lange gezögert hatte, mit Hilfe von Verwandten Deutschland zu verlassen. In einem kleinen Boot flohen sie 1939 nach England. In Brighton/Sussex übernahmen sie die Leitung eines Heimes mit 52 jüd. Flüchtlingskindern, was angesichts der Kriegszeit sehr schwierig war. Jonas P. wurde für sechs Monate als "feindlicher Ausländer" auf der Isle of Man interniert. 1945 folgte das Ehepaar den Söhnen in die USA. Jonas P. wurde Bibliothekar am Hebrew Union College, Selma P. leitete ein Kinderheim. Im Jahre 1946 zogen sie nach Toledo/Ohio und hatten dort die Leitung eines Wohnstiftes für ältere Damen inne. Nach dem Tod ihres Mannes am 11.10. 1948 zog Selma P. zu ihrem Sohn Günther nach Minnesota, wo dieser als Rabbiner tätig war. 1961 ging sie mit ihm nach Kanada und half dort in verschiedenen Gemeindeeinrichtungen. Mit 88 Jahren schrieb sie sich zum Studium der französischen Literatur und jüdischen Geschichte an der Universität von Toronto ein. 1990 zu ihrem 100. Geburtstag erhielt sie den ersten Ehrenmagistergrad dieser Universität. Ihr ältester Sohn Dr. Günther Plaut (* 1.11.1912 MS) wurde als Rechtsreferendar 1933 aufgrund des ,Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" entlassen. Nachdem er 1934 in Berlin zum Dr. jur. promoviert worden war, emigrierte er mit einem Studentenvisum 1935 in die USA, wo er zum Rabbiner ausgebildet wurde. Als Feldrabbiner war er an der Befreiung des KZ Mittelbau-Dora/Thür. beteiligt. Von 1961 bis 1977 war er Rabbiner am Holy Blossom Temple in Toronto/Kanada, einer der bedeutendsten Reformgemeinden in Nordamerika. Lange Zeit war er Präsident des "Canadian Jewish Congress" und der "Central Conference of American Rabbis". 1984 wurde er von der kanadischen Regierung beauftragt, die kanadische Flüchtlingsgesetzgebung zu revidieren. Als Verfasser zahlreicher Werke über Theologie, Philosophie und Geschichte lebte er 1995 in Kanada. Selma Plauts zweiter Sohn Walter (* 28.8.1919 Berlin), der nach ihrem kurz vor Ende des 1. WK gefallenen Bruder benannt war, emigrierte 1937 in die USA und wurde ebenfalls Rabbiner. Er engagierte sich für die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung in den USA. Mit 44 Jahren verstarb er am 4.1.1964 in Graet Neck/New York.

Max (2. Ehe)
8.7.1891 MS - gefallen 18.9.1916 Verdun/Frankreich
Er legte 1910 sein Abitur auf dem Paulinum ab, das er seit 1901 besucht hatte. Studierte vom Sommersemester 1912 bis 1913 Rechtswissenschaften an der Univ. MS. Meldete sich als Freiwilliger zum Heer und fiel 1916 vor Verdun. Sein Andenken wird gewahrt durch die Inschrift auf einem Gedenkstein für die Gefallenen des 1. WK, der sich in der Synagoge MS befindet.

Siegfried (2. Ehe)
5.4.1893 MS - 28.5.1979 Israel

Walter (2. Ehe)
28.12.1895 MS - gefallen 30.9.1918 St.Quentin/Frankreich
Besuchte zunächst die Volksschule und legte im August 1914 eine "Kriegsreifeprüfung" auf dem Paulinum ab, das er seit 1906 besucht hatte. Im Schuljahr 1910/11 war er der einzige jüd. Schüler seiner Klasse. Er war Mitglied des "Sportclubs Münster 08". Studierte seit dem Wintersemester 1914 Rechtswissenschaften an der Univ. MS. Meldete sich, wie sein Bruder Max, als Freiwilliger zum Heer, wo er als Leutnant der Reserve und Kompanie-Führer diente. Er fiel gegen Ende des Krieges, bevor ihm das "Ritterkreuz des Hohenzollernschen Hausordens" verliehen werden konnte, und erhielt das EK I und II. Sein Andenken wird ebenfalls durch die Inschrift auf einem Gedenkstein für die Gefallenen des 1. WK gewahrt, der sich in der Synagoge MS befindet.

Alice, Dr. rer. nat. (2. Ehe)
* 24.10.1897 MS, lebte 1995 in den USA
Chemikerin. Besuchte das Ev. Lyzeum in MS von 1904 bis 1914. Anläßlich einer Jubiläumsfeier der Schule wurde ihr ca. 1913 eine Prämie "für die beste Schülerin in deutscher Treue" zuerkannt. Nach dem Schulabschluß folgte der Besuch eines Mädchenpensionats in Konstanz. Sie erhielt 1918/19 in MS Privatunterricht zur Abiturvorbereitung und legte im März 1919 an der Oberrealschule in Dortmund das Abitur ab. Sie studierte anschließend als eine von zwei Frauen unter mehreren Tausend männlichen Studenten Chemie, Elektrophysik und Mathematik an der Univ. MS, anschließend an der TH in Hannover. 1923 führte sie praktisch-wissenschaftliche Arbeiten durch, u.a. an der Univ. Frankfurt/M.. Nach zwei Jahren Vorarbeit überreichte ihr am 19.12.1924 der damalige Dekan der Philosophisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Univ. MS, Prof. Friedrich Münzer, die Promotionsurkunde. Das Thema ihrer Dissertation lautete: "Experimentelle Prüfung der Oseenschen Theorie des natürlichen Drehungsvermögens optisch aktiver Lösungen". Sie verzog 1925 mit den Eltern nach Wiesbaden. Am 8.12. 1927 heiratete sie in Wiesbaden den Rechtsanwalt Dr. jur. Kurt Steinberg (16.9.1895 Lübbecke - 29.9.1960 Südafrika), den Sohn von Felix Steinberg und Else geb. Steindorff. Alice St. lebte 1928/29 in Castrop-Rauxel, danach in Köln. Ihr Ehemann wurde im Rahmen des Boykotts mit anderen jüd. Rechtsanwälten und Richtern am 1.4. 1933 in Köln in einem Wagen der städt. Müllabfuhr durch die Stadt zum Polizeipräsidium gefahren und dort wieder freigelassen. Aufgrund des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" wurde er als Landgerichtsrat vom Dienst suspendiert und schließlich am 1.10.1933 aus dem Staatsdienst entlassen. Alice St. erlernte zur Vorbereitung ihrer Auswanderung ca. einen Monat lang in den Niederlanden die Herstellung von Tabletten und Salben. Mit einer Lizenz dieser niederländischen Firma erfolgte im März 1934 die Emigration von Köln nach Südafrika. Wenig später übernahm sie die Vertretung einer französischen Kosmetikfirma und sicherte mit dem Verkauf in Johannesburg 15 Jahre lang bis 1949 den Lebensunterhalt. Ihr Ehemann mußte ein erneutes Jura-Studium absolvieren und ließ sich danach als Rechtsanwalt in einer Sozietät in Johannesburg nieder. Außerdem war er als Dozent für internationales Recht tätig. Nach Ende des NS-Regimes bot man ihm die Stelle eines Senatspräsidenten bei einem deutschen Gericht an, die er aber ablehnte. Mit dem Antrag einer Dozentur in Oxford im Jahre 1960 "erfüllte sich sein Lebenstraum". Auf dem Rückflug von seiner Antrittsvorlesung erlag er einem Herzanfall. Nach seinem Tod zog Alice St. zu ihrem Sohn Michael (* 26.6.1929 Köln) in die USA.

Friedrich (Fritz) (2. Ehe)
10.3.1900 MS - 29.12.1964 MS
... [siehe Textzitat oben] ...

Ada (2. Ehe)
31.8.1902 MS - 13.12.1991 Israel
Erzieherin, Lehrerin. Sie erhielt ihren Namen nach der Münsteraner Comtesse Ada von Korff-Schmising, einer Nachbarin der Familie G.. Drei Jahre besuchte sie die jüd. Volksschule, dann die Ev. Höhere Töchterschule. Sie legte an der kath. Lehrerinnenakademie ihr Examen ab und unterrichtete anschließend einige Monate Gartenbau und Naturkunde an der jüd. Schule in MS. Arbeitete vorübergehend im Auerbachschen Waisenhaus Berlin, das ihr Schwager Jonas Plaut mit ihrer Schwester Selma leitete. Um 1925 verzog sie mit den Eltern nach Wiesbaden. Sie war als Gärtnerin in der rheinischen Gartenbaugesellschaft beschäftigt und legte vor der rheinischen Landwirtschaftskammer die Gartenmeisterprüfung ab. Nach der Heirat am 5.8.1927 mit Dr. Adolf Rosenberg (26.10.1897 Mönchengladbach - 27.1.1964 Israel) verzog sie nach Oberhausen, wo ihr Mann, der sich seit seiner Kindheit für den Zionismus engagiert hatte, als Rechtsanwalt tätig war. Sie wurde Vorsitzende des jüd. Frauenvereins. 1933 drehte man das Kanzleischild ihres Mannes um und schrieb darauf "Der Jude soll Kopf stehen". Das Ehepaar R. emigrierte 1933 mit den zwei Kindern Eva (* 9.9.1930) und Lutz (* 4.5.1933) nach Palästina. Dort mußte Adolf R. sein juristisches Examen wiederholen und das türkische, englische und jüdische Recht erlernen. Später arbeitete er als Rechtsberater der israelischen Regierung. Ada R. unterrichtete Kinder einer geschlossenen Anstalt im Gartenbau und schrieb Artikel für verschiedene Gartenbauzeitschriften.

aus:  Korrigenda- und Ergänzungsliste zum Biographischen Lexikon, August 2001
S. 6-7
GUMPRICH
Salomon
KINDER
Albert (1. Ehe)
Seine Tochter Anni ∞ Rosenberg heiratete am 13.3.1947 in Enschede und lebte 1996 in den Niederlanden. Sein Sohn Karl gelangte in die Schweiz, wurde jedoch von dort nach "Vichy-Frankreich" abgeschoben und über Drancy nach Auschwitz deportiert, wo er umkam. Die Tochter Else lebte 2 1/2 Jahre in der Familie eines niederländischen Pastors, die gegen Kriegsende auch die Tochter Anni aufnahm. Hilde überlebte mit ihrem Mann bei Geschäftsleuten in Friesland.

Alice, Dr. rer. nat.
24.10.1897 MS - 23.3.1999 USA

 


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