R39 Marcus, Betty
 04.03.1818 - 26.11.1893

Hier ruht
unsere gute Mutter
Betty Marcus
geb. Weingarten
geb. am 4. März 1818
gest. am 26. Novbr. 1893
Ruhe sanft.

 

aus: Gisela Möllenhoff / Rita Schlautmann-Overmeyer, Jüdische Familien in Münster 1918 – 1945. Teil I Biographisches Lexikon, Münster  ²2001

[Aufgrund der zeitlichen Begrenzung des Lexikons ist kein eigener Lexikoneintrag vorhanden. Unter folgendem Eintrag ist die Person genannt:]

S. 285
MARCUS
Eli (Elias)
26.1.1854 MS - 13.9.1935 MS
E: Samuel Marcus, Lederhändler, (8.2.1810 Burgsteinfurt - 3.7.1890 MS) u. Betty geb. Weingarten (4.3.1818 Bruchhausen/Bremen - 26.11.1893 MS)
G: Emilie (10.1.1853 MS - 14.7.1923 MS); Julius (9.5. 1855 MS - 13.10.1910 Berlin); Henriette (7.12.1856 MS - Berlin)

Kaufmann, Schuhhändler, Antiquitätenhändler und Mundartdichter. Entstammte einer alteingesessenen jüd.-westfälischen Familie. Sein Vater war seit 1842 in MS ansässig und betrieb zuerst an der Rothenburg, später in seinem Eigentum Königsstr. 33 einen Lederhandel. Um 1875 gründete dieser die "Schuhwarenhandlung S. Marcus", Roggenmarkt 11/12 (später Nr. 9), die nach seinem Tod an die Söhne Eli und Julius überging. Nach kurzem (?) Besuch der Realschule lebte Eli M. drei Jahre lang in der "Privatpensionsanstalt für israelitische Knaben und Jünglinge" des religiös liberal eingestellten Rabbiners Prof. Philipp Heidenheim (1814 - 1906) in Sondershausen/Thür., in der Schüler "aus allen Teilen der Welt" zusammenkamen, um die dortige höhere Lehranstalt zu besuchen. 1870 bis 1872 absolvierte er eine kaufmännische Lehre in Bochum. Danach kehrte er in das väterliche Ledergeschäft in MS zurück. Nach Bezahlung von 28,50 M erhielt er am 12.2.1890 das Bürgerrecht der Stadt MS. 1893 war er Mitglied im "Verein zur Abwehr des Antisemitismus". Ab 1912, nach dem Tod des Bruders, bis zum Verkauf am 10.10.1917 (der Name des Geschäftes wurde beibehalten) war Eli M. Alleininhaber des Betriebes. Er wohnte Roggenmarkt 11/12 (1882), Neubrückenstr. (1889), Roggenmarkt 9 (1893) und Bogenstr. 17/18 (1896). 1906 zog er in das 1896 erbaute Haus Goebenstr. 1. Veröffentlichte 1910 einen Beitrag über den befreundeten Münsteraner Bildhauer August Schmiemann (1845-1927) und dessen Werk. Bekannt war er auch mit dem Münsteraner Musikdirektor Julius Otto Grimm sowie den Schriftstellern Augustin Wibbelt (1862-1947) und Hermann Löns (1860-1914), der häufig sein Gast war. Von ca. 1920 bis zum 3.12.1936 betrieb er in der Goebenstr. 1 (über dem Eingang war eingraviert "met Mut un Fließ, met Gott alltied") einen "An- und Verkauf wertvoller Altertümer und neuer Kunst", den sein Sohn Julius gen. Uli 1933 übernahm. Eli M. fungierte als Beisitzer im Kaufmannsgericht. Er unterstützte die 1919 gegründete freie Künstlergemeinschaft "Schanze", zu deren Zielen u.a. die Vermittlung der modernen Bildenden Kunst an die Münsteraner und die Förderung ihrer Wertschätzung gehörte. Er gehörte zur Jury, die in den 1920er Jahren Kunstobjekte für die Ausstellung "Das schöne Münster" auswählte. Außerdem war er zweiter Vorsitzender im "Verein für jüd. Geschichte und Literatur". Am bekanntesten war er als Mitglied der "Abendgesellschaft des Zoologischen Gartens", seinerzeit ein bestimmender Faktor des geselligen münsterischen Lebens, die von Professor Landois ins Leben gerufen worden war, um Geldmittel für den 1875 errichteten Zoologischen Garten in MS zu erhalten. Er gehörte der Gesellschaft seit 1881 an. Bei den bis zum Beginn des 1. WK fast jährlich in Münsterländer Platt produzierten Karnevalsspielen war Eli M. als Mit- oder Alleinverfasser federführend. Als Nachfolger von Dr. Fritz Westhoff (1857-1896), der bis 1891 die Fastnachtsspiele verfaßt hatte, übernahm Eli M. 1892 diese Aufgabe. Er beendete nach dem 1. WK seine aktive Mitgliedschaft und widmete sich fortan dem Kunsthandel. Durch die Inflation verlor er sein erarbeitetes Vermögen und mußte als 70jähriger wirtschaftlich noch einmal von vorn anfangen. Seine Bühnenstücke und seine plattdeutsche Lyrik waren bedeutend für die Entwicklung der westfälischen Mundart. Zu seinen bekanntesten Gedichtbänden zählen "Schnippsel vom Wege des Lebens", "Düörgemös" und "Sunnenblomen" (1913). Mit 79 Jahren gab er 1933 sein letztes Rundfunkinterview. Während des Dritten Reiches wurde kein einziges Stück von Eli M. gespielt, und die münsterischen Zeitungen, die ihn vorher als beliebten Dichter gefeiert hatten, erwähnten weder seinen 80. Geburtstag 1934 noch veröffentlichten sie 1935 zu seinem Tode einen Nachruf. Anläßlich seines 80. Geburtstages schrieb seine Tochter Käte: "Er ist verliebt in seine türme- und giebelreiche Heimatstadt und in das bäuerliche Münsterland mit seinen Wallhecken und seinen endlos hingebreiteten Aeckern und Wiesen." In den letzten drei Jahren seines Lebens konnte er aus gesundheitlichen Gründen das Haus nur noch selten verlassen und freute sich daher über jeden Besucher, der ihm "die Stadt ins Haus" brachte. Beerdigt wurde er auf dem jüd. Friedhof in MS. Nach Ende des NS-Regimes wurden vereinzelt wieder Stücke von Eli M. aufgeführt. 1966 wurde in MS-Kinderhaus eine Straße nach ihm benannt. Anläßlich seines 140. Geburtstages 1994 würdigte die "Gesellschaft für Christl.-Jüd. Zusammenarbeit MS" in Anwesenheit seines Enkels Ernst Palm seine dichterische Leistung mit einer Rezitation aus seinen Werken.

∞ 19.9.1888 MS
EHEFRAU (1. Ehe)
Ida geb. Ems
10.12.1862 MS - 19.8.1889 MS
E: Meyer Ems (3.1.1809 Rheda - 22.3.1878 MS), Juwelier, u. Henriette geb. Hertz (14.10.1819 Krefeld - 5.2. 1912 MS)
G: Rosalie ∞ Strasser (* 4.7.1864 MS); Otto-Elieser (18.6.1860 MS - 15.5.1925 MS); vier Halbgeschwister aus 1. Ehe des Vaters: Julie (9.4.1840 MS - 16.10.1840 MS); Bertha ∞ Frank (26.6.1841 MS - 14.10.1919 Bonn); Emil-Michael (8.8.1843 MS - 6.2.1923 Düsseldorf); Adolf-Abraham (24.8.1848 MS - 25.11.1883 Bonn)
Sie verstarb mit 26 Jahren, knapp ein Jahr nach der Hochzeit, nach der Geburt eines am Tag zuvor totgeborenen Sohnes. Ihr Grab befindet sich auf dem jüd. Friedhof in MS.

EHEFRAU (2. Ehe)
∞ 14.4.1891 Mannheim
Anna geb. Dinkelspiel
9.5.1868 Mannheim - 24.7.1936 MS
E: Max Dinkelspiel, Kaufmann, (verstorben 5.3.1915 Mannheim) u. Betty geb. Kahn (verstorben 18.9.1900 Mannheim)
G: Nanny ∞ Jacobsohn (20.8.1860 Mannheim - 10.9.1941 Göttingen); Cilly (5.6.1865 - 21.8.1942, Freitod)
Wuchs mit acht oder neun Geschwistern auf. 1901 war sie Mitglied im "Israelitischen Frauenverein" in MS. Ihr Grab befindet sich neben demjenigen ihres Ehemannes auf dem jüd. Friedhof in MS.

KINDER
Käte, Dr. phil.
29.3.1892 MS - 16.6.1979 USA
Nationalökonomin, Redakteurin, Journalistin. Besuchte die höhere Mädchenschule von der Vorschulklasse bis zur Mittleren Reife (1899 - 1909), bereitete sich danach in einem realgymnasialen Privatkurs auf das Abitur vor, das sie am 16.3.1912 am Städt. Realgymnasium MS ablegte. Studierte Nationalökonomie (Prüfungsfächer: Politische Ökonomie, Handelsrecht, Allgemeine Staatslehre und Politik) an den Universitäten Heidelberg, Berlin und München. An der Univ. MS war sie vom Sommersemester 1915 bis zum Wintersemester 1915/16 für das Fach Staatswissenschaften eingeschrieben. In ihrer Promotion 1918 an der Univ. Heidelberg zum Thema ,Der kapitalistische Großbetrieb im Kunstgewerbe" untersuchte sie die allgemeinen Beziehungen von Großindustrie und Kunstgewerbe nach ihrer psychologischen und sozialen Eigenart sowie nach ihrem ökonomischen Erfolg. Am 18.6.1918 siedelte sie endgültig nach Berlin über, wo sie als Redakteurin u.a. für den C.V. tätig war und für die "Weltbühne" und die "Vossische Zeitung" arbeitete. Sie engagierte sich in der Frauenbewegung. Da zum 80. Geburtstag ihres Vaters 1934 keine öffentliche Ehrung in MS erfolgte, beschrieb sie selbst dessen Persönlichkeit, Wirken und Heimatverbundenheit in einem Artikel, der in einer jüd. Wochenzeitung publiziert wurde. Ihr Anteil aus dem erzwungenen Verkauf des Elternhauses Goebenstr. 1 (12.4. 1938) mußte zur Sicherstellung der Reichsfluchtsteuer auf ein Sperrkonto eingezahlt werden. Käte M. emigrierte im Januar 1940 über Spanien in die USA. Sie mußte in Vigo/Spanien mehrere Wochen warten, bis sie auf einem Frachtdampfer von Lissabon weiterreisen konnte. Sie lebte zunächst in New York, wo sie noch einmal studierte und in Psychologie promovierte (Ph.D.). Dann verzog sie nach Los Angeles. Sie arbeitete freiberuflich in der Berufsberatung und führte im Firmenauftrag Einstellungsgespräche. Sie interessierte sich für das Studium der  Handlinien und war zeitweise auch als Graphologin tätig. Wegen ihrer Erfahrungen in der NS-Zeit betrat sie nie wieder deutschen Boden.

Ernst
5.9.1893 MS - gefallen 25.7.1917 Swidniki/Rußland
Kaufmann. Wohnte im Elternhaus Goebenstr. 1. Verzog am 4.3.1915 nach Berlin und wurde am 1.3.1916 zur Armee eingezogen. Aufgrund seines Zeichentalentes fertigte er für das Militär Geländezeichnungen an, die vom Regimentsstab benutzt wurden. Einen Tag, bevor er als Unteroffizier in einem Infanterie-Regiment am 25.7.1917 an der Ostfront in Rußland fiel, schrieb er seinen Eltern ,Kurz zur Mitteilung, daß ich heute das Eiserne Kreuz I. Klasse erhalten habe. Da staunt Ihr? Näheres morgen, da heute noch das Bataillon stürmt." Sein Leichnam wurde nach MS überführt und am 6.3.1918 auf dem jüd. Friedhof beigesetzt. Für seine Tapferkeit wurde er außer mit dem EK I noch mit dem EK II und der ,Friedrich-August-Medaille" in Silber ausgezeichnet. Seine Eltern erhielten am 11.12.1934 für ihn das ,Ehrenkreuz für Frontkämpfer". Die Gedenktafel für die Gefallenen des 1. WK in der Synagoge in MS trägt auch seinen Namen.

Elsbeth ∞ PALM, Manfred
19.1.1896 MS - 19.2.1977 Chile

Julius Arthur (Uli)
5.3.1911 MS - 1.12.1984 England

 


Zurück zum Lageplan