L185 Steinlauf, Irma
 01.03.1905 - 11.02.1980

פ''נ

das große jüdische Herz
Irma Steinlauf
geb. 1.3.1905
gest. 11.2.1980

תנצב''ה

[Im Lexikon befindet sich ein Artikel zu Hilde Steinlauf (geb. Hühmann) mit denselben Geburts- und Todesdaten. Möglicherweise handelt es sich bei Irma und Hilde um dieselbe Person, da sie durch etliche Fluchten nach Belgien und Frankreich bis Marseille und Nizza mit gefälschten Papieren untergetaucht war.]

aus: Gisela Möllenhoff / Rita Schlautmann-Overmeyer, Jüdische Familien in Münster 1918 – 1945. Teil I Biographisches Lexikon, Münster  ²2001

S. 433
STEINLAUF
Hilde geb. Hühmann

1.3.1905 Wermelskirchen - 11.2.1980 MS
E: Otto Hühmann (ev.) u. Elfriede geb. Baus (ev.), lebte 1956 in Berlin
Sie konvertierte zum Judentum und wurde durch ihre Heirat polnische Staatsangehörige. Sie betrieb, nachdem ihrem Mann die Gewerbeerlaubnis entzogen worden und ihr Bruder aus dem Geschäft ausgeschieden war, den An- und Verkauf von Gold- und Silberwaren weiter. Lt. einer Veröffentlichung im Deutschen Reichsanzeiger vom 30.12.1935 war eine Veräußerung von Alt- und Bruchgold nur mit Erlaubnis des Finanzamtes oder Genehmigung der Überwachungsstelle für Edelmetalle in Berlin möglich. Sie stellte einen entsprechenden Antrag (vor dem 31.3.1936), jedoch erteilte die Überwachungsstelle keine Verlängerung der Genehmigung. Daraufhin wurde sie im September 1936 zur Einstellung des Gewerbes aufgefordert. Nach "vertraulicher Mitteilung", vermutlich einer Denunziation, erfolgte am 13.7.1937 die Durchsuchung des Geschäftes durch Zollbeamte und die Beschlagnahme von Altgold (71 Teile) und Platinstiften. Im Anschluß daran ergriff sie mit ihrem Ehemann und dem Sohn die Flucht nach Belgien. In Abwesenheit wurde am 23.5.1938 eine Anklage wegen "Devisenvergehen" erhoben. Mit der Begründung, sie habe Alt- und Bruchgold ohne erforderliche Genehmigung angekauft und 92 Gramm Goldlegierung und Platinstifte nicht der Reichsbank angeboten, erfolgte eine Verurteilung zu drei Monaten Gefängnis und 2.750 RM Geldstrafe. Neben den Steuerrückständen wurde die jüd. Herkunft des Ehemannes und beider polnische Staatsangehörigkeit betont, dazu die angeblich nicht vorhandene "erforderliche Zuverlässigkeit" herausgestellt. Dem Ehemann wurde Beteiligung an "einem größeren Golddiebstahl" und "Flucht in die Tschechei" unterstellt. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Belgien floh sie nach Frankreich. Nach der militärischen Niederlage Frankreichs war sie zeitweise interniert bzw. mit gefälschten Papieren in verschiedenen Quartieren bei Bauern außerhalb von Marseille und Nizza untergetaucht. Bis Kriegsende befand sie sich in ständiger Angst vor Entdeckung. Nach der Rückkehr nach MS führte sie von Oktober 1958 bis zum 2.5. 1961 ein Einzelhandelsgeschäft in Edelmetallen, Goldwaren und Juwelen (An- und Verkauf) Bergstr. 8. Sie verstarb sechs Jahre vor ihrem Ehemann im Alter von 75 Jahren.

S. 432-434
STEINLAUF
Karl    
20.3.1899 Budapest - 1986 MS
E: Abraham u. Lotte Steinlauf  
Kaufmann polnischer Nationalität. Er war von Hagen zugezogen und betrieb seit dem 9.6.1932 in MS einen An- und Verkauf in Silber- und Goldwaren, Bolandsgasse 4. Dort befanden sich sowohl der Laden als auch die Wohnung. Eine Zweigniederlassung war für MS, Winkelstr. 5, gemeldet. Bereits zu Beginn der NS-Herrschaft wurde ihm am 6.7.1933 die Verkaufserlaubnis wegen angeblicher "Unzuverlässigkeit" entzogen. Daraufhin wurde der Handel am 30.10.1933 vom Bruder seiner Frau, der nichtjüdisch war, übernommen. Als dieser Ende Mai 1934 ausschied, setzte seine Ehefrau den Handel am 1.6.1934 unter ihrem Namen fort. Am 21.9.1936 wurde ihr die Weiterführung des Geschäftes untersagt, ebenfalls mit der Begründung angeblicher "Unzuverlässigkeit". Am 16.3.1937 erfolgte eine Durchsuchung des Ladens durch die Zollfahndungsstelle Dortmund. Aus Furcht vor Verhaftung flüchtete Karl St. mit seiner Ehefrau und seinem Sohn am selben Tag nach Antwerpen. Ein "Steuerstrafverfahren" war anhängig. Der Betrieb wurde "von Amts wegen gelöscht" und die Edelmetallgegenstände aufgrund eines Urteils des Schöffengerichtes vom 8.3.1938 konfisziert. Für Belgien hatte Karl St. nur eine befristete Aufenthalts- und keine Arbeitserlaubnis. Nach dem Überfall der deutschen Truppen auf Belgien am 10.5.1940 konnte er nach Südfrankreich entkommen. Als nach der militärischen Niederlage Frankreichs sowohl in den besetzten wie den unbesetzten Gebieten Frankreichs die Verfolgung der Juden begann, war er zunächst drei Monate im Internierungslager Brens (1940/41 Sammellager für Juden und Spanier) in Südfrankreich, das der Vichy-Regierung unterstand. Von dort gelang ihm die Flucht nach Marseille, dann nach Nizza. Er hielt sich gegen Bezahlung bei verschiedenen französischen Bauern versteckt und erhielt mit Hilfe gefälschter Papiere eine neue "Identität". Bei Gefahr flüchtete er in die Haute Savoie, wo er sich unter dem Schutz der Italiener bis zum Bruch Mussolinis mit Hitler und dem Einsetzen der Verfolgung auch dort, einigermaßen sicher fühlte. Er überlebte mit seiner Ehefrau und seinem Sohn in getrennten Quartieren. Nach dem Krieg blieb er zunächst in Frankreich. 1958 kehrte er mit seiner Ehefrau nach MS zurück und verstarb dort. Er wurde auf dem jüd. Friedhof in Nottuln begraben.

EHEFRAU
Hilde geb. Hühmann
1.3.1905 Wermelskirchen - 11.2.1980 MS
... [siehe Textzitat oben] ...

KIND
Arthur
* 28.5.1923 Weimar, lebte 1995 in den USA
Besuchte die jüd. Volksschule und flüchtete als 14jähriger mit seinen Eltern nach Antwerpen. Dort erhielt er zusammen mit seinem späteren Schwager heimlich eine Ausbildung bei einem Goldschmied. Er war staatenlos und versuchte, im Antwerpener Hafen als blinder Passagier auf einem Schiff aus Europa zu entkommen. Er wurde entdeckt und zurückgeschickt. Nach der Besetzung Belgiens durch deutsche Truppen und der Flucht nach Südfrankreich befand er sich ca. drei Monate in einem Internierungslager. Ihm gelang die Flucht, und er hielt sich einige Zeit mit falschen Papieren in Marseille auf. Dort wurde er durch die Gestapo entdeckt und gelangte wieder in ein Strafgefangenenlager in Südfrankreich. Er wurde zur Arbeit im Steinbruch zwangsverpflichtet, konnte aber entkommen und sich nach Nizza durchschlagen. Er fand ein Versteck bei einer französischen Familie. Nach mehrmaligen Kontrollen durch die Gestapo fühlte er sich trotz guter Französischkenntnisse und französischer Papiere nicht sicher genug und flüchtete in die Haute Savoie, wo er in Scheunen Unterschlupf fand. Dort knüpfte er Kontakte zur französischen Untergrundbewegung. Zur besseren Versorgung seiner Mutter und seiner Verlobten verdingte er sich bei einem Bauern. Bei Razzien diente eine Erdgrube als Versteck. Am Ende des Krieges hatte er die Verbindung zu den Eltern verloren. Er heiratete im Januar 1945 in Marseille. Ein Sohn wurde dort 1947 geboren. 1948 erfolgte seine Auswanderung in die USA. 1958/59 scheiterte der Versuch, in MS mit einem Großhandel und Import in Goldwaren und Juwelen wieder Fuß zu fassen. Seit 1959 war er wieder in den USA und lebte dort 1995 im Staat New Mexico.


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