L114 Stein, Samuel
 04.10.1862 - 22.04.1916

Samuel Stein
geb. 4. Oktober 1862
gest. 22. April 1916.

 

aus: Gisela Möllenhoff / Rita Schlautmann-Overmeyer, Jüdische Familien in Münster 1918 – 1945. Teil I Biographisches Lexikon, Münster  ²2001

S. 424-426
STEIN
Samuel
    
4.10.1862 Beckum - 22.4.1916 MS
E: Philipp Stein u. Fanny geb. Stolzberg
G: Levy (7.11.1865 Beckum - 1922 Beckum)
Kaufmann. Ist seit 1909 in MS, Windthorststr. 7, nachweisbar. War Eigentümer des von seinem Vater ererbten Hauses in Beckum, Weststr. 2/Ecke Marktplatz, das nach seinem plötzlichen Tod mit 53 Jahren in das Eigentum seiner Witwe überging. Bei seinem Tode waren seine Kinder noch minderjährig (16 und 14 Jahre alt). Er war Mitbegründer der ,Anneliese Portland-Zement- und Wasserkalkwerke AG" in Ennigerloh. Sein Grab befindet sich auf dem jüd. Friedhof in MS.
 ∞ 29.3.1897 MS
EHEFRAU
Ida geb. Stolzberg
21.4.1872 MS - 13.10.1946 USA
E: Simon Stolzberg (4.4.1833 Wolbeck - 5.10.1906 MS) u. Amalie geb. Jacobsohn (28.11.1846 Oelde - 30.6. 1941 MS)
G: Emma (24.10.1867 MS - 25.10.1867 MS); Fanny ∞ Steinthal (5.11.1868 MS - 13.8.1943 Frankreich); Emma (30.8.1870 MS - 17.11.1941 Hannover); Joseph (8.4. 1874 MS - 11.3.1875 MS); Isidor (21.1.1876 MS - 11.12.1876 MS); Bertha ∞ Stein (12.10.1877 MS - Ghetto Litzmannstadt/Lodz); Sophie ∞ Lifges (20.4.1879 MS - Ghetto Minsk); Klara ∞ Koopmann (* 8.11.1886 MS, lebte 1951 in den USA); Martha (21.11.1887 MS - 2.11. 1888 MS)
Sie wohnte mit ihren Eltern zunächst Clemensstr. 36, wo ihr Vater einen Manufakturwarenladen besaß, dann seit ca. 1897 Viktoriastr. 9. Nach ihrer Heirat 1897 verzog sie nach Beckum, wo die beiden Kinder Walter und Erna geboren wurden. Seit etwa 1909 lebte sie wieder in MS, Windthorststr. 7. Nach dem plötzlichen Tod ihres Ehemannes im Jahre 1916 verzog sie zur Josefstr. 12. Sie erwarb am 21.6.1935 die beiden vierstöckigen Häuser in MS, Hammer Str. 41 und 41a. Dort war auch ihr letzter Wohnsitz. Sie war Aktionärin der "Anneliese Portland-Zement- und Wasserkalkwerke AG", Ennigerloh. Seit dem 13.5.1937 war ihr ohne vorherige Genehmigung der Devisenbehörde kein Eigentums- oder Aktienverkauf mehr gestattet. Im Frühjahr des folgenden Jahres verstärkte sich der Druck auf die jüd. Aktionäre, ihre Anteile zu verkaufen. Sie veräußerte diese am 19. und 20.9.1938 gegen Barzahlung und flüchtete in der folgenden Nacht mit ihrem Sohn und vermutlich der Tochter Erna unter Hinterlassung ihres Eigentums in die Niederlande. Ursprünglich hatte sie ihre 92jährige Mutter nicht allein zurücklassen wollen. Ida St. wurde in Abwesenheit wegen Devisenvergehens angeklagt. Schon am 31.10.1938 wurde der Hausbesitz durch einen "arischen" Abwesenheitspfleger verkauft und der Erlös für Reichsfluchtsteuer und für ausstehende Steuern konfisziert. Das Restvermögen wurde nach der Ausbürgerung am 29.9.1943 vom Staat beschlagnahmt. Eine Anklage vor dem Volksgerichtshof wurde vertagt, weil die Rückkehr der Angeklagten unwahrscheinlich war. Ida St. lebte in den Niederlanden im Flüchtlingslager Hellevoetsluis bis zur Weiterreise in die USA. Im Mai 1939 befand sie sich in Kuba und gelangte von dort zu unbekanntem Zeitpunkt nach New York, wo sie am 13.10.1946, zehn Wochen nach der Einbürgerung in die USA, verstarb. Da sie seit ihrer Ausreise aus Deutschland von ihrem Sohn unterhalten worden war, erließ sie ihm 1942 in ihrem Testament die Hälfte eines geschuldeten Darlehens.

KINDER
Walter
30.9.1899 Beckum - 7.5.1957 USA
Getreidekaufmann, Handlungsgehilfe (1938). Er wohnte seit seinem zehnten Lebensjahr in MS, Windthorststr. 7 und Josefstr. 12, und war Schüler des Städt. Gymnasiums und Realgymnasiums, wo er 1917 sein Abitur bestand. Im Sommersemester 1917 begann er in MS das Jurastudium. 1920 war er stud. rer. pol. und eines von elf Mitgliedern der jüd. Studentenverbindung "Rheno-Bavaria". In den 1930er Jahren war er Aufsichtsratsmitglied der "Anneliese Portland-Zement- und Wasserkalkwerke AG" in Ennigerloh, die sein Vater mitbegründet hatte. Er wurde in der Getreidebranche tätig, war zunächst Vertreter und vom 11.3.1931 bis zum 26.4. 1934 Teilhaber der Getreideimportfirma "Dreismann & Stern" in MS, Urbanstr. 11. Nach zwangsweisem Ausscheiden aufgrund nationalsozialistischer Pression baute er eine eigene Vertretung in Getreide und Futtermitteln auf, die von Mai 1933 bis zum Januar 1935 existierte. Er führte sie als Großhandlung weiter, mußte sie aber am 30.6.1937 einstellen. Sein Geschäftslokal und seine Wohnung befanden sich Josefstr. 12. Bereits zu diesem Zeitpunkt bestanden Auswanderungsabsichten. Die Flugkarten nach Belgrad waren schon bezahlt, wurden jedoch nicht benutzt, vermutlich mit Rücksicht auf die 91jährige Großmutter. Seit Frühjahr 1938 verstärkte sich der Druck zur Verdrängung der jüd. Aktionäre aus der Firma und dem Aufsichtsrat der "Portland-Zement AG", so daß Walter St. im Herbst 1938 zum Aktienverkauf gezwungen war. Als Vertreter der vier "Stein-Aktionäre" hatte er im März 1938 vertraglich festgelegt, die Aktien zuerst den Hauptaktionären anzubieten. Der Verkauf erfolgte unter Umgehung von NS-Bestimmungen am 19. und 20.9.1938 gegen Barzahlung, nachdem eine geheime Absprache mit den Käufern, den Gebrüdern Seibel, getroffen worden war. In der Nacht zum 21.9.1938 flüchtete Walter St. mit seiner Mutter, vermutlich auch mit seiner Schwester und deren Familie in die Niederlande. Die Gestapo MS gab am 26.9.1938 Anordnung zur Überwachung der Grenzen und erließ am 30.9.1938 einen Haftbefehl aufgrund der Anordnung vom 26.4.1938, nach der Rechtsgeschäfte mit jüd. Vertragsschließenden genehmigungspflichtig waren. Die "arischen" Vertragspartner kamen in Untersuchungshaft, wurden jedoch aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Die Oberfinanzdirektion kommentierte den Freispruch am 24.7.1939 wie folgt: "Das Urteil läßt erkennen, daß das erkennende Gericht für Devisenbelange auch heute noch nicht das nötige Verständnis aufzubringen vermag". Gegen den flüchtigen Walter St. und seine Mutter behielt sich der Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof die weitere Strafverfolgung wegen "Wirtschaftssabotage-Verbrechen" vor, falls die Schuldigen aufgegriffen würden. In den Niederlanden wurde Walter St. mit seiner Mutter im Flüchtlingslager Hellevoetsluis als illegaler Einwanderer interniert. Im Mai 1939 befand er sich in Havanna/Kuba und gelangte zu nicht bekanntem Zeitpunkt nach New York. Dort heiratete er Anna Lindenbaum, die am 4.1.1903 in Witten als älteste Tochter des Kolonialwarenhändlers und Drogisten Josef Lindenbaum geboren war und deren Eltern sich 1939 in Leipzig das Leben genommen hatten. Seit 1946 war er amerikanischer Staatsbürger.

Erna ∞ HAMM, Paul
* 25.2.1902 Beckum, lebte 1962 in den USA

aus:  Korrigenda- und Ergänzungsliste zum Biographischen Lexikon, August 2001

S. 17
STEIN
KINDER (u. a.)
Walter
Kehrte im Herbst 1919 aus englischer Kriegsgefangenschaft zurück und trat der frei schlagenden jüd. Studentenverbindung "Palatia" bei.

 


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