L89 Cohn, Susi
 15.10.1899 - 24.10.1919

Susi Cohn
geboren
15. Oktober 1899
gestorben
24. Oktober 1919

aus: Gisela Möllenhoff / Rita Schlautmann-Overmeyer, Jüdische Familien in Münster 1918 – 1945. Teil I Biographisches Lexikon, Münster  ²2001

S. 93-94
COHN
Susi

15.10.1899 MS - 24.10.1918 Berchtesgaden
War bis zur Oberprima Schülerin des Kath. Lyzeums. Sie verstarb an den Folgen einer Grippe mit anschließender Lungenentzündung. Alle Lehrerinnen und Mitschülerinnen gaben ihr das letzte Geleit zum jüd. Friedhof in MS. In der Schulchronik heißt es: "Die Schule wird der allzeit fleißigen und gewissenhaften Schülerin ein treues Andenken bewahren". Sie wurde als erste in der Familiengruft beigesetzt, die übrigen Familienmitglieder fanden wegen der Vertreibung durch das Hitler-Regime ihre letzte Ruhe auf einem anderen Kontinent.

S.92-95
COHN
Julius, Justizrat Dr. jur.
5.5.1866 Attendorn - 5.6.1949 USA
E: Joseph Cohn, Kaufmann (6.7.1835 - 5.3.1892) u. Johanna geb. Mai (17.5.1826 - 6.11.1909)
G: Edmund (7.11.1860 - 9.5.1928); Adolf (18.3.1864 -  3.4. 1866); Dr. med. Victor (28.4.1868 Attendorn - 13.7. 1911 Lienen); Hermann
Rechtsanwalt und Notar. Entstammte einer sauerländischen Kaufmannsfamilie, die auch Landwirtschaft betrieb. Sein Bruder Dr. med. Victor Cohn war als "Specialarzt für Nervenkrankheiten" um die Jahrhundertwende ebenfalls mehrere Jahre in MS tätig. Julius C. legte nach dem Studium der Rechtswissenschaften, u.a. in Rostock, die erste jur. Prüfung 1887 ab, die Staatsprüfung im Jahre 1891. Er war Gefreiter der Landwehr. Erhielt am 19.1.1894 seine Zulassung für das LG MS und ließ sich zu dem Zeitpunkt in MS nieder. Wohnte zunächst Bogenstr. 19 (1895 - 1902), danach Urbanstr. 7 (Eigentum), wo sich auch die Praxis befand. Er unterstützte 1898 das "Comité für Errichtung eines Asyls für jüdische Kranke und Altersschwache in Westfalen" (Grundsteinlegung 1904 in Unna). Ihm wurde 1911 der Titel eines Justizrates verliehen. 1913 war ihm bescheinigt worden, daß er "unzweifelhaft einer der tüchtigsten hiesigen Rechtsanwälte" sei. Er hatte eine der erfolgreichsten Rechtsanwaltspraxen im Landgerichtsbezirk MS. Zu seinen Klienten gehörten Staats- und Kommunalbehörden, Banken, Großindustrie und der westfälische Adel. Julius C. war seit 1909 über 20 Jahre lang Vorstandsvorsitzender der jüd. Gemeinde MS und 1917/18 einer der wenigen jüd. Stadtverordneten im münsterischen Rat. Bei Ausbruch des 1. WK 1914 stiftete er 1.000 M für das Rote Kreuz. Während der Novemberrevolution 1918 wurde er in den neugebildeten Bürgerausschuß als "Vertreter der Juden" aufgenommen. In diesem Zusammenhang unterzeichnete er als Vorsitzender der Synagogengemeinde einen gemeinsamen Aufruf bedeutender Münsteraner Vertreter aus Politik, Kirche und Wirtschaft: "...Helft uns durch eine feste, zuversichtliche Haltung, alle Schwierigkeiten zu überwinden, die einer besseren Zukunft entgegenstehen." Er war Mitglied der 1905 gegr. "Literarischen Gesellschaft" in MS (1930) und Kuratoriumsvorsitzender der Marks-Haindorf-Stiftung von 1916 bis zu seiner Emigration 1933. Außerdem war er 1931 Mitglied des "Vereins für das liberale Judentum". Als Kunstliebhaber besaß er u.a. Gemälde des Münsteraner Künstlers Melchior Lechter (1885-1937). Julius C. nahm Anfang der 1920er Jahre einen Sozius in seine Kanzlei, mit dem er Justitiar für die westfälische Textilindustrie war. Zu Beginn der NS-Herrschaft kündigte dieser die Partnerschaft auf. Seit 1927 hatte auch sein Sohn Ernst in der Praxis mitgearbeitet. Julius C. hatte Ende der 1920er Jahre die Direktoren der Dresdner Bank in MS mit Erfolg bei Gericht gegen eine Verleumdungskampagne der Nationalsozialisten vertreten und hierbei gegen den späteren Gauleiter von Norwegen, Josef Terboven, eine einstweilige Verfügung erreicht. Seither drohten ihm die Nazis, sich persönlich an ihm zu rächen. Im September 1929 fand eine Versammlung der Nationalsozialisten vor dem "Schützenhof" statt, in der u.a. Terboven verächtlich von J. Cohn sprach und gesagt wurde: "Was wir Nationalsozialisten in den Händen haben, das lassen wir nicht los, das wird abgewürgt." Julius C. befand sich nach einer schweren Erkrankung mit seiner Ehefrau und der Tochter Anneliese im Januar 1933 auf einer mehrmonatigen Erholungsreise in Ägypten, als sein Schwager ihm die Nachricht von Hitlers Machtübernahme mitteilte. Anfang April 1933 kehrte er nach MS zurück. Die Repressalien setzten sofort ein, indem die Pässe der Eheleute Cohn im Mai 1933 eingezogen wurden und sie diese erst gegen Zahlung einer hohen Geldsumme zurückerhielten. Nach dem Erlaß des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums", als Julius C. und seinem Sohn die Zulassung als Rechtsanwalt entzogen worden war und seine Tochter nicht mehr zum Referendardienst zugelassen wurde, beschloß er, Deutschland zu verlassen. Nach 40jähriger Ansässigkeit in MS flüchtete er unter Zurücklassung seiner Habe mit seiner Frau und seinen Kindern Ernst und Anneliese am 22.7. 1933. Während seine Kinder zu einem Bruder seiner Frau nach Paris reisten, begab er sich mit seiner Frau zur weiteren Erholung zunächst ins Seebad Knocke/Belgien, dann am 7.10. 1933 ebenfalls nach Paris. Weitere Zwangsmaßnahmen des NS-Regimes folgten, die den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ruin der Familie herbeiführen sollten. Am 8.11.1933 erging ein Reichsfluchtsteuerbescheid gegen das Ehepaar. Am 28.11. 1933 beschlagnahmte das Finanzamt das gesamte Inlandsvermögen, den Grundbesitz, Hausrat, die Praxiseinrichtung sowie Forderungen und Guthaben. Ein Teil des Hausrates stand am 29.9.1934 zur Versteigerung. Das Eigentum Urbanstr. 7 war am 20.5. 1936 durch den Abwesenheitspfleger Rechtsanwalt Ludwig Kaufmann über Einheitswert verkauft und der Erlös 1937 für die Reichsfluchtsteuer beschlagnahmt worden. In sein Haus zog die "Staatspolizeistelle für den Regierungsbezirk Münster"ein. Das Schöffengericht MS verurteilte Julius C. am 22.5. 1936 zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten und zu einer Geldstrafe von 40.000 RM. Seine Frau erhielt jeweils die Hälfte der Strafe. Eine Berufung wurde vom LG-MS am 29.7.1936 abgelehnt. Daraufhin wurde im Reichsanzeiger vom 21.11.1936 gegen ihn, seine Frau und seinen Sohn wegen angeblicher Devisenvergehen ein Steuersteckbrief veröffentlicht. "Die Art und Weise, wie dem Vorstand der Synagogengemeinde MS zugesetzt worden ist, hatte zur Folge, daß Angst und Schrecken unter der jüdischen Bevölkerung [in MS] verbreitet wurde", erinnerte sich 1950 ein Gemeindemitglied. Ende Juli 1936 erfolgte die weitere Emigration der gesamten Familie in die USA. Julius C. mußte sich in den USA als 70jähriger eine neue Existenz aufbauen. Die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt er am 28.12.1942 und änderte seinen Namen in Julius Ernest Hill.

∞  14.7.1898 Essen
EHEFRAU
Bertha geb. Hirschland
14.7.1877 Essen - ca. 1962 USA
E: Herz Hirschland, Bankier, (4.9.1841 Essen - 20.3. 1908 MS) u. Lina geb. Ransohoff (28.11.1845 Peckelsheim - 26.5. 1911 MS)
G: Arthur, Bankier in Essen; Dr. med. Leo, Wiesbaden, (verstorben 1950er USA); Dr. jur. Karl (* 12.7.1881 Essen)
Lebte seit ihrer Heirat 1898 in MS. Ihr Bruder Karl war ebenfalls von 1903 bis 1916 in MS ansässig. Sie war Mitglied im "Verein für jüdische Geschichte und Literatur" in MS. Flüchtete zusammen mit dem Ehemann über Belgien und Paris, wo ihr Bruder eine Kanzlei hatte, in die USA. Die Familie erhielt im Dezember 1942 die amerikanische Staatsbürgerschaft und nahm den Familiennamen Hill an.

KINDER
Susi
15.10.1899 MS - 24.10.1918 Berchtesgaden
... [siehe Textzitat oben] ...

Lore
26.11.1900 MS - 1983 USA
Studierte nach dem Abitur ein Semester (1921) an der Juristischen Fakultät der Univ. MS. Verzog nach der Heirat mit dem Rechtsanwalt Dr. Moses gen. Max Pagener (* 10.4.1883 Epe) nach Köln, wo die Kinder Leonore (* 6.2.1925) und die Zwillinge Karl und Ernst (* 30.5.1927) geboren wurden. Ihr Sohn Ernst war 1995 ein bekannter Physiologe in den USA. Sie emigrierte 1935 nach Paris, wo sich Eltern und Bruder bereits aufhielten und 1936 weiter in die USA. Im März 1936 wurde gegen das Ehepaar Pagener wegen angeblicher Devisenvergehen ein Steuersteckbrief im Reichsanzeiger veröffentlicht. Die Familie wurde am 29.4.1939 aus dem Deutschen Reich ausgebürgert.

Ernst, Dr. jur.
1.8.1902 MS - 1979 USA
Rechtsanwalt und Notar. Besuchte von 1908 bis 1911 die Vorschule und das Städt. Gymnasium und Realgymnasium von 1911 bis zum Abitur 1920. Es folgte ein Studium der Rechtswissenschaften in Freiburg, MS, Frankfurt/M. und Köln. Die erste juristische Staatsprüfung legte er am 11.6.1923 am OLG Hamm ab. Während des Referendariats war er am OLG Hamm, am Amtsgericht Dülmen und bei seinem Schwager Dr. Pagener in Köln. Im Jahre 1925 promovierte er an der Univ. MS über "Die Einwilligung des Verletzten bei Sittlichkeits-Verbrechen". Er war seit dem 28.4.1927 als Rechtsanwalt beim Amtsgericht und LG MS zugelassen. Wohnte bei den Eltern und arbeitete sechs Jahre mit seinem Vater zusammen in dessen Kanzlei. Im Rahmen des "Gesetzes über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft" wurde ihm am 5.5.1933 Vertretungsverbot erteilt und dieses am 10.5.1933 in der Presse mitgeteilt. Mitte 1933 emigrierte er mit seinen Eltern nach Paris, wo sein Onkel Dr. Karl Hirschland ein Büro seiner Berliner Rechtsanwaltspraxis unterhielt. Ende 1935/Anfang 1936 hielt er sich zeitweise in Deutschland auf, ohne von den Nationalsozialisten erkannt zu werden. 1936 war wegen "gemeinschaftlich fortgesetzten Devisenvergehens" zusammen mit seinen Eltern ein Steuersteckbrief gegen ihn veröffentlicht worden. Die Doktorwürde der münsterischen Universität wurde ihm am 30.9.1937 wegen Devisenvergehen lt. NS-Gesetzgebung aberkannt, da er gemäß NS-Ideologie "des Tragens einer deutschen akademischen Würde unwürdig" war. 1936 erfolgte die weitere Emigration in die USA. Dort war er als Bücherrevisor und 1953 als "Attorney of Law" in San Francisco tätig.

Anneliese, Dr. jur.
* 23.9.1905 MS, lebte 1995 in den USA
Gerichtsreferendarin. 1912 - 1925 besuchte sie die Höhere Töchterschule, anschließend bis zum Abitur 1925 die Realgymnasiale Studienanstalt der Annette-Schule. Ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Köln und MS folgte. Die erste juristische Prüfung legte sie im Sommer 1929 ab. Sie wurde am 3.9.1929 zur Gerichtsreferendarin im OLG-Bezirk Hamm ernannt. Sie promovierte 1933 zum Thema "Begriff und Rechtswirkungen des Erbscheins" an der Univ. Köln. Wurde, unmittelbar vor dem Assessorexamen stehend, 1933 aus dem Staatsdienst entlassen ("Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums"). Zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder verließ sie im Juli 1933 Deutschland. Gegen die Pfändung der Einrichtung ihres Elternhauses legte sie 1934 Beschwerde ein und konnte gegen Bezahlung einen Teil der ihr gehörigen Gegenstände freikaufen. Sie emigrierte von Frankreich 1936 mit ihrer Familie in die USA. Ihre juristische Weiterbildung setzte sie im Emigrationsland nicht fort, sondern widmete sich sozialen Aufgaben. Sie bildete als "Professor of Public Health Nursing" an der Universität in San Francisco zwei Generationen von Krankenschwestern aus, die sich um die Gesundheitsprophylaxe der während und nach dem 2. WK nach Kalifornien strömenden Flüchtlinge und Armen bemühten. Sie blieb unverheiratet.

aus:  Korrigenda- und Ergänzungsliste zum Biographischen Lexikon, August 2001

S. 5
COHN
Julius, Justizrat Dr. jur.
War vom 17.1.1917 bis Februar 1919 der zweite jüdische Stadtverordnete in Münster.

 


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