L86 Hertz, Albert Dr.
 15.01.1879 - 24.07.1941

Cläre Hertz
geb. Wahl
4.1.1882 - 28.3.1939

Dr. Albert Hertz
15.1.1879 - 24.7.1941

 

aus: Gisela Möllenhoff / Rita Schlautmann-Overmeyer, Jüdische Familien in Münster 1918 – 1945. Teil I Biographisches Lexikon, Münster  ²2001

S. 184-186
HERTZ
Albert, Dr. jur.

15.1.1879 Coesfeld - 24.12.1941 MS
E: Justizrat Bernhard Hertz, Rechtsanwalt, (14.3.1831 Coesfeld - 10.6.1911 MS) u. Franziska geb. Grünebaum (8.8.1855 Geseke - 26.7.1940 MS)
G: Martha ∞ Auerbach

Rechtsanwalt und Notar. Mit den Eltern kam er 1880 nach MS. Wuchs Clemensstr. 1 (1888) auf, wohnte dann Achtermannstr. 19 (1907) und Engelstr. 37 (1913). Er besuchte das Paulinum von 1888 bis zum Abitur 1897, das er zusammen mit vier weiteren jüd. Münsteranern von insgesamt 53 Abiturienten ablegte. Anschließend studierte er Rechtswissenschaften an den Universitäten in Lausanne, München, Berlin und Marburg. Absolvierte seine erste Staatsprüfung am 18.7.1900 in Kassel und wurde daraufhin am 13.8.1900 auf den König von Preußen und auf die Verfassung vereidigt. Die zweite Staatsprüfung fand am 31.3.1906 in Berlin statt. Er promovierte 1904 an der Univ. Erlangen über "Die fiduziarischen Rechtsgeschäfte". Am 14.5.1906 erhielt er die Zulassung als Rechtsanwalt beim LG MS (1923 beim Amtsgericht MS) und wurde am 21.10.1919 zum Notar für den Bezirk des OLG Hamm ernannt. Leistete vom 1.10.1901 bis zum 30.9.1902 den Einjährig-Freiwilligen Dienst beim 2. Westfälischen Feldartillerie-Regiment. Nahm vom 30.8.1914 als Vizewachtmeister und seit dem 1.5.1918 als Kriegsgerichtsrat bis zum 31.1.1919 am 1. WK teil. War in Frankreich, Polen, in den Karpaten und in Galizien im Felde. Während seines Heeresdienstes wurde seine Kanzlei durch Vertreter weitergeführt. Er wurde am 26.1.1916 mit dem EK II und am 11.2.1934 mit dem "Ehrenkreuz für Frontkämpfer" ausgezeichnet. Seine Praxis befand sich zunächst Königsstr. 12, dann Engelstr. 37. Gehörte 1914 dem Repräsentantenkollegium der jüd. Gemeinde an. War Anhänger der DDP. Ihm wurde während des Boykotts 1933 der Zutritt zum Gericht verwehrt. Am 6.4.1933 wurde er, da er "für Deutschlands Farben im Weltkrieg gekämpft" hatte, neben Dr. Erich Simons vorerst als einziger von acht jüd. Rechtsanwälten wieder zum Auftreten vor den Gerichten des Landgerichtsbezirks des "Gaues Westfalen-Nord" zugelassen. Am 28.8.1934 leistete er den "Amtseid auf den Führer"; mußte aber dann zum 15.11.1935 lt. Verordnung zum "Reichsbürgergesetz" (14.11. 1935) aus seinem Amt als Notar ausscheiden und verlor zum 30.11.1938 die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft beim Amtsgericht MS. Bemühte sich 1936 um eine weitere Zulassung als Notar nur für jüd. Klienten, die unter dem Gesichtspunkt erwogen wurde, "ob es im Interesse der Allgemeinheit des Deutschen Volkes liegt, daß die Juden die Möglichkeit haben, einen jüdischen Notar mit ihren Lebensangelegenheiten zu betrauen". Wegen des Rückganges der Einnahmen unter dem NS-Regime war er 1936 gezwungen, Unterhaltszuschüsse zu beantragen. Der Landgerichtspräsident bescheinigte ihm, daß "gegen die Würdigkeit des Gesuchstellers, der seine Geschäfte als Rechtsanwalt und Notar stets in einwandfreier Weise und zur allgemeinen Zufriedenheit der Rechtssuchenden wahrgenommen hat", sich keinerlei Bedenken ergeben würden. Zog am 9.3.1937 zur Prinz-Eugen-Str. 39 (Eigentum). Ab November 1938 erhielt er vom Reichsminister der Justiz jeweils "unter dem Vorbehalt jederzeitigen Widerrufs" für einen Monat die Zulassung als "jüdischer Konsulent" für den Landgerichtsbezirk MS. Ab Januar 1939 wurde ihm auch diese Tätigkeit untersagt. Danach war er als Vermögensverwalter tätig. Seit Ende 1939 standen ihm aufgrund einer "Sicherungsanordnung" lediglich noch festgesetzte Freibeträge monatlich zur Verfügung. Im Zuge der Zusammenlegung aller Münsteraner Juden wurden 1939 jüd. Personen in sein Haus einquartiert, das dadurch zu einem sog. "Judenhaus" umfunktioniert wurde. Am 28.3.1939, dem Todestag seiner Frau, mußte er die zwangsweise "Edelmetallabgabe" an die Pfandleihanstalt Dortmund leisten, einige Schmuckgegenstände wurden Bekannten zur Aufbewahrung anvertraut. Er verstarb im Franziskus-Hospital und wurde auf dem jüd. Friedhof begraben.

 ∞ 31.07.1906 Barmen
EHEFRAU
Klara geb. Wahl
04.12.1882 Barmen - 28.03.1939 MS
E: Hermann Wahl, Kommerzienrat, (verstorben Barmen) u. Henny geb. Meyer (verstorben Barmen)
Zog von Barmen nach der Heirat nach MS. War während des 1. WK als Mitglied des "Vaterländischen Frauenvereins" im Bahnhofsdienst des Roten Kreuzes tätig und erhielt dafür das "Kriegshilfsverdienstkreuz". Ihre goldene Uhr wurde an ihrem Todestag bei der Pfandleihstelle Dortmund abgeliefert, um der erzwungenen "Edelmetallabgabe" Folge zu leisten. Ihr Grab befindet sich auf dem jüd. Friedhof in MS.

KIND
Henriette (Henny)
* 14.8.1913 MS, lebte 1995 in Deutschland
Büroangestellte. Besuchte seit 1920 bis zur Mittleren Reife 1930 die Annette-Schule, wo sie am kath. Religionsunterricht teilnahm. Sie sollte aufgrund ihrer jüd. Herkunft in den 1920er Jahren nur ausnahmsweise in einen Tennisclub aufgenommen werden, was ihren Vater dazu veranlaßte, sie in einem anderen Club anzumelden, in dem sie auch nach dem Ausschluß von Juden aus Sportverbänden noch verblieb, bis sie von der Teilnahme an Turnieren ausgeschlossen wurde. Danach wurde sie Mitglied des jüd. Tennisclubs. Als Jüdin fand sie 1933 keine Lehrstelle und mußte ihren Plan, Modezeichnerin zu werden, aufgeben. Sie besuchte daraufhin die Frauenoberschule St. Hildegard und machte eine Ausbildung im Büro, um ihrem Vater in der Kanzlei helfen zu können. 1934/35 hielt sie sich sechs Monate in Spanien bei einem Onkel auf, der Korrespondent der Frankfurter Zeitung in Madrid war. Später erteilte sie Juden in MS zur Auswanderungsvorbereitung Spanischunterricht. Wollte mit Hilfe von Verwandten, die ihr ein Visum verschafft hatten, in die USA auswandern. Dieses Vorhaben kam aber nicht zustande. Mußte sowohl Radio als auch Fotoapparat lt. NS-Gesetzgebung bei der Gestapo abliefern. Der ersten Deportation aus MS am 13.12.1941 entging sie, weil sie ihren schwerkranken Vater - die Mutter war inzwischen verstorben - pflegen mußte. Nach seinem Tod wurde sie von einem SS-Mann vor ihrer am 27.1.1942 bevorstehenden Deportation nach Riga gewarnt. Außerdem intervenierte ein Frontoffizier auf Heimaturlaub, der ehemalige Nachbar Günther Schmidt-Hern, für sie bei der Gestapo. Henny H. faßte den Entschluß, Deutschland illegal zu verlassen bzw. unterzutauchen. Nachdem ersteres nicht gelang, legte sie sich einen anderen Namen zu und konnte mit Unterstützung von Bekannten Unterkunft und schließlich auch Arbeit im Rheinland finden. Verwandte, die mit nichtjüd. Partnern verheiratet waren, halfen ihr mit Lebensmittelkarten, so daß sie bis Kriegsende in der Illegalität überleben konnte. Am 21.2.1942 wurde ihr restliches Vermögen, u.a. das Haus Prinz-Eugen-Str. 39, vom Deutschen Reich beschlagnahmt. Nach langen Bemühungen erhielt sie drei Jahre nach der Befreiung eine Einwanderungsgenehmigung in die USA, entschloß sich jedoch nach einjährigem Aufenthalt, nach Deutschland zurückzukehren.

aus:  Korrigenda- und Ergänzungsliste zum Biographischen Lexikon, August 2001

S. 7-8
HERTZ
Albert
EHEFRAU
Klara geb. Wahl
4.1.1882 Barmen - 28.3.1939 MS
KIND
Henriette (Henny)
14.8.1913 MS - 11.1.2001


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