L53 Eichenwald, Fritz
 02.10.1899 - 01.12.1960

[Liegender Stein vorne links]:

פ''נ
Hier ruht
unser lieber Vater
Grossvater u. Bruder
Fritz Eichenwald
geb. 2.10.1899
verst. 1.12.1960

 

aus: Gisela Möllenhoff / Rita Schlautmann-Overmeyer, Jüdische Familien in Münster 1918 – 1945. Teil I Biographisches Lexikon, Münster  ²2001

S. 111
EICHENWALD
Fritz (Siegfried)

2.10.1899 Billerbeck - 1.12.1960 MS
E: Philipp Eichenwald (6.8.1863 Billerbeck - 28.2.1940 MS) u. Paula geb. Rosenberg (8.3.1867 MS - 12.11. 1937 MS)
G: Therese ∞ Kaufmann ( 13.4.1897 Billerbeck - 25.12.1944 KZ Stutthof); Bertha ∞ Cahn (*6.11.1902 Billerbeck, lebte 1960 in Südafrika)
Vieh- und Pferdehändler, "Tiefbauarbeiter". In Billerbeck betrieb Fritz E. eine Pferdehandlung und hatte gute Kontakte zu den Bauern der Umgebung. Nachdem der Grundbesitz in Billerbeck zwangsverkauft war und Ernst E. sich mit Auswanderungsplänen trug, zog er 1937 mit seiner Familie und seinen Eltern nach MS in das Haus Hermannstr. 44, das später als "Judenhaus" galt. Seine Schwiegermutter  Jeanette Hertz folgte einige Zeit später. Er blieb, da er sich nicht in der Wohnung befand, in der Pogromnacht von einer Inhaftierung verschont und konnte einige Wochen bei Bauern in der Umgebung untertauchen. Wurde zur Zwangsarbeit beim Kanalbau am Albersloher Weg herangezogen. Zunächst war die Auswanderung über die Niederlande geplant. Am 20.2.1940 erfolgte die Ausreise über Genua nach Bolivien. Sein Freund Bernhard Baer hatte der Familie ein Visum verschafft und die "Allgemeine Treuhand-Stelle für die jüdische Auswanderung" in Berlin hatte einen Sondertransfer von 530 Dollar erwirkt. Die Kosten der Auswanderung trug sein Vater. Bei der Ankunft in Bolivien drei Wochen später (14.3.1940) besaß er nur noch wenig Geld, da in Italien das Gepäck beschlagnahmt worden war. Er erhielt zunächst Arbeit in einer Goldmine, war dann in einem Hotel angestellt. Die Gestapo MS beantragte beim Reichsinnenministerium am 6.8. 1941 die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit und beschlagnahmte die "Lifts". Fritz E., der nach der Scheidung 1948/49 in Bolivien wiedergeheiratet hatte, kehrte mit seiner zweiten Frau Camilla geb. Herzka (* 5.12.1909 Mährisch-Ostrau) am 14.7. 1953 nach MS, Mühlenstr. 17, zurück und betrieb vom 1.5.1954 bis zum 31.12.1956 einen Viehhandel. Er erlag einem Herzinfarkt; sein Grab befindet sich auf dem jüd. Friedhof in MS. Seine zweite Ehefrau verstarb nur zwei Wochen nach ihm (14.12.1960 MS) und wurde ebenfalls auf dem jüd. Friedhof in MS begraben. 

∞  15.7.1928
EHEFRAU
Hilde geb. Hertz
30.9.1905 Beckum - 1991 Hamburg
E: Sally Hertz (4.5.1873 Ostenfelde - 18.4.1937 MS) u. Jeanette geb. Windmüller (13.8.1881 Beckum - Ghetto/KZ Riga)
G: Grete ∞ Eichenwald (15.4.1904 Beckum - 1993 ? USA); Erna ∞ Luchs (* 13.10.1907 Beckum, emigrierte n. Brasilien); Kurt (29.8.1909 Beckum - 28.9.1940 KZ Sachsenhausen); Robert (14.1.1915 Beckum - Ghetto/KZ Riga);
Als sie in der Pogromnacht 1938 die Jalousien in der Wohnung Hermannstr. 44 öffnete, wurde von der Straße hochgeschossen, und eine Kugel flog dicht an ihr vorbei. In der Wohnung wurden Einrichtungsgegenstände zerstört, so daß die Familie einige Tage bei Ordensschwestern im Kolpinghaus untergebracht werden mußte. Hilde E. forcierte die Emigration, während ihr Mann wegen seines alten Vaters zunächst zögerte. Sie bestand darauf, daß die Kinder nicht mit einem Kindertransport in die USA verschickt wurden, sondern die Familie gemeinsam Deutschland verließ. Sie fuhr im Februar 1940 mit ihren Kindern im Zug nach München, traf dort ihren Mann, und die Familie fuhr mit einem Dampfer von Italien nach Bolivien. Dort nahm sie eine Stelle an, um zum Lebensunterhalt beizutragen. Kehrte nach Deutschland zurück.

KINDER
Marion
* 22.5.1929 Billerbeck, lebte 1995 in Deutschland
War in Billerbeck in die Volksschule eingeschult worden, in der ihr die Lehrerin eine Ohrfeige gab, als sie zum "Hitlergruß" den Arm heben wollte. Besuchte nach dem Umzug nach MS im Jahre 1937 die jüd. Schule. Sie emigrierte mit Eltern und Bruder am 27.2.1940 nach Bolivien. Dort setzte sie ihre Schulbildung in einer von italienischen Nonnen geleiteten Schule fort. Nach dem Tod ihres Vaters kehrte sie mit Ehemann und Tochter Ende 1961 nach Deutschland zurück.

Klaus
* 20.5.1933 MS
Emigrierte mit Eltern und Schwester am 27.2.1940 nach Bolivien.

 


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